Lyrik & Foto

No Fun

 

Pöbel : Ein Boomerang

 

Untere Hindenburgstraße : Funktionseile ! hin zum Bahnhof , rein in den Drogeriemarkt .  Eben noch dies oder das .

Obere Hindenburgstraße : Gepflegter Einkauf , Pendeln zwischen den Straßenseiten , Pendeln , nicht Hasten !

Man gönnt sich ja sonst Nichts ; aber den  Kaufhof und  die modernisierten , beschleunigten Nachfolger .

Woran erinnert mich ….aber das ist jetzt bestimmt übertrieben ! das schnalzend-lustvolle  Wiegen in den Hüften ,Wiegen und Abwägen  vor den Schaufenstern ?

Augen auf ! Es geht um Dich ! Du bist gemeint , DU Endverbraucher , alle wollen Dich reinlegen , wenn Du nicht die Prozente mitkriegst !

Richtig !( wirklich ?) die Plünderbereitschaft  unter den  Volksgenossen  nach der Reichspogromnacht  ist nicht so ganz anders . Aber wahrscheinlich war man damals doch etwas hektischer  unterwegs .

WIR pendeln , schnuppern , äugen , und die Reklame – DIE versteht uns . Endlich mal so richtig verstanden werden ! Raffinesse , Softporno ,  Dauerjugend und Sales-Sonder-angebote per Prozent .

So weit unser Recht . So weit unser Recht , schlechten

Gewissens .

Gegen das schlechte Gewissen hilft nur die Unschulds-vermutung – seitens der Peergroup , Klicke , Familie , Tratschverbund , Nachbarschaftsschulterschluss ,Garten- kolonie .

Dafür tut man gerne viel . Unterhält , klatscht an der richtigen Stelle , ein Geschäft auf Gegenseitigkeit . Lachst Du über mein

Getüftel , lache ich über Deine Schmusebacke . Gerne länger in der Einkaufsstress-Verschnaufspause im Straßencafé von Tschibo . Die Witzwünschelrute , jetzt im Angebot ; der Dominik hat das irgendwie im Gespür , was im übernächsten Satz eine lustige Doppeldeutigkeit sein könnte . Dieser Dominik !

Zum Gesamtpacket gehört der Sündenbock ( bitte hier

die passende Kategorie ausfüllen ) : Eher die grünen Spaßbremser und Spielverderber als der Bettler  an der Ecke . Obwohl .

Eher die Lehrer als die Quizzpartner . Gameshow für alle .

Buh-Rufe für die mit der Lachhemmung . Und diese downgelockten Miesmacher ( die den Lock-up miesmachen ! uns die Quarantäne weismachen wollen !) . Na ja , die Jugend findet halt manchmal auch die Polizei etwas humorlos .

Wo sie recht hat .Ist ja ihr Leben . Wir waren ja auch mal jung .

Merkel muss weg , meinetwegen , das wird man doch wohl

noch ; und – das sieht man jetzt im Augenblick gerade nicht so – wir arbeiten hart , damit wir uns den richtigen Urlaub da unten bei diesen Nichtstuern leisten können .

 

 

 

Wo der Planet besonders haltlos ist :

 

In den Ländern a) , von wo man weg will…..

und b) , wo man das auch straflos kann .

Incl. Rückkehrrecht .

Also in Europa ! mehr West als Ost ; in den USA , seitens der vermögenderen Mittelschichten in Asien .

 

 

Bei Krise des Reisesektors stottern die Volkswirtschaften .

Für die Stabilität des Ganzen ist es notwendig , dass man es zuhause nicht aushalten kann . Nichts wie weg hier in

Neunkirchen-Vluyn oder Blackpool , Lancashire .

Wir wollen Sonne , mehr und zuverlässiger als in Bochum oder

Enschede .

Ein bisschen wollen wir auch die Erzählung , den Reiz der

abgefangenen Gefährdung , wenn am Ende das Softporno

winkt .

Aber eigentlich …..( haben Sie es gemerkt ? ) reden wir von einer Krise der Literatur , wenn Wilmersdorf und Brüssel St . Niklaas keine Story-Vibration mehr liefern können , keinen Mantel und Degen , kein Rapunzel .

So rutschen halt saisonbedingt und storygeil ganze Populationen haltlos auf dem Planeten herum , suchend oder findend , das ist hier die Frage , und müssen bei Pandemie vom Aussenministerium aus den verrücktesten Haltungen und locations  befreit werden .

Ach , sagen Sie ? Wir wollten ja nur spielen ? das sage ich doch ! Aber SIE meinen …..ach so ! Sie behaupten , wir machten ja nur die Migrationsfluchten ein bisschen nach ? DA sei doch die Story ? Sozusagen fürs Kinderzimmer down-gesized , TÜV abgesichert , klimatisiert , mit Reiserücktritts-versicherung und Bewertungsportal ?

Our lives matter . Ach ja . Halte mich , ich bin Deine Beziehungsgröße  .

 

 

 

 

Landfahrer

 

 

Quer durch die Ebene ! bekenne ich am Steuer : Auch ich tranchiere ; das Land bleibt links und rechts wie erlegt , beliebig zu plündern , billig zu missbrauchen : Übernächste Stichstraße für weiteres Gewerbegebiet für marktschreierischen Plunder wichtig getan über Leichenland . Landleiche . Die Namensvorschläge für Stich –und Erschließungsstraßen bitte

durchaus hochtrabend einreichen : Warum /warum nicht :

`Hamburger Ring ´ ?

 

Die Dörfer dann , in denen ich heruntergebremst werde , miefen gepflegt nach Landflucht . Doch halt ! Dann muss zuerst doch noch jemand da sein , der fliehen könnte ?

Und da sind sie ! Die Kinder-Kaperer eben ! Junge Familienseligkeit über Kindgerechtigkeit baut hier doch noch mal oder renoviert kompetent Einfamilienknäste mit schnellem Internet : Sowas peupliert , nachwachsend in der/ für die Kita .

 

Am Ortsende dann die Frage :

Was hält einen nunmehr kinderlos am Leben , wenn man dem Sterben so vieler so auf die Spur gekommen ist wie etwa ein

Lokal- Historiker ?

Leben ! vor Freude …Vorfreude ! Solange in dünner Erwartung noch etwas besser zu sein , zu werden verspricht als die Gegenwartsscholle – solange macht alles noch Sinn . Und ich freue mich auf die nächste Frau , Rockfalten schwingend auf dem Boulevard , gleich in der Metropole . Nur noch 23 Kilometer .

 

A propos Paris und Proust : Als jüngerer Erinnerer erinnerte ich mich seinerzeit jeweils : Kräftig zupackend , mit passender Geschichte zum Thema auf Lager , die Pointe parat , erprobt ,

den Erlebnisgeruch noch in der Nase  .

Heute sind meine (?) Erinnerungen blass geliehen , aus-verkauft , ausgespürt , ausgespült . Irgendwie wie endgültig

unzuständig abständig ungültig .

 

Das Land als zerknitterte Seite im Geschichtsbuch in der Bücherbox im Seifenblasenschwarm .

 

 

 

“Les choses de la vie ,”

 

ein Kinofilm gedreht 1970 ; neulich wiedergesehen im Gedenken an Michel Piccoli .

Welch ein Gegensatz innerhalb der 1970er Jahre ! Auf der einen Seite die Rechthabereien  der linken Szene und melodramatische  Post-Flower-Power-Sinnsucher  …

und schräg gegenüber auf dem ganz anderen Blatt :

Die Helden des Lakonischen  : Humphrey Bogart , tot aber wiederentdeckt , und pointenreich präsent  ; und Michel Piccoli auf seiner französischen Bühne : Im archaischen Paris und in

uralter französischer Provinz .

Piccoli sagt selten was !  argumentiert nie , hat , wenn überhaupt emotionalisiert , non-verbale Ausbrüche  ; im Gespräch mit Romy Schneider (!) ist er  monosyllabisch , sphinx-like ;  verpasst auf diese Art und Weise Rhetorikern und Literaten einen non-verbalen Dämpfer  .Wenn er dann die ewige 37. Zigarette mit der 38. vertauscht , gibt er den Dingen

des Lebens ihre Würde  , indem er  Feuerzeug , Lenkrad und Romy wortlos nur halb ansieht , eher registrierend , quasi kopfschüttelnd .

 

Sein `oui / non/ peut-être´ hält die Dinge des Lebens und das , was darüber vielleicht zu sagen , zu empfinden wäre , in einem müden Gleichgewicht ; Piccoli und die Kinozuschauer warten immer wie auf einen Hall ( von wo ? ) , der chronisch nicht kommt . Der Schauspieler im treuen Gefolge von Camus und Sartre , so empfand man ihn , wortlos fixiert durch  Geworfensein , Positionierung , einsame Ausweglosigkeit ; ohne ausweichen zu können vor dem , was das französische nach 68-er Setting so mitbringt  : Die 39. Zigarette , eine genervte Romy , der zerknüllte Geldschein als Draufgabe im Restaurant , welches man unwirsch vorzeitig verlässt ; ein im Glas versenktes sinnierendes Lächeln . Alle diese

Gegenstände, denen Piccoli keine Verwortung antuen möchte .

Und immer genug Parkplatz , traumhaft sicherer Straßen- seitenwechsel zu Bar oder Concierge gegenüber , Piccoli mit schlechter Rasur , kräftigem Unterkiefer , halb-schalkigem Lächeln , weitsichtigem Blick .

 

Und Frankreich ? Und wir Deutschen ? Piccolis Frankreich war für uns nach 68er das gelassene Land , in Ruhe atmend ; wenn es sich verbalisieren könnte , würde es so etwas sagen wie :

„….die Zeit ? Die arbeitet natürlich für uns . Unser Haustier.

In aller Ruhe . Macht ihr ruhig mal, mit Euren servilen anglizistischen Moden , wir bauen in Sandstein , sind ansonsten Rosinenpicker und verstehen zu wählen ; unter

dem , was zu unserem Chic passen könnte . WIR sind eben schon erwachsen .“

 

Oui /non/ peut-être .

 

 

 

 

 

Szene :

Antiquariat Tithonus

 

Ladeninhaber wird gesehen , wie er sich gegen ein Regal stemmt , das über ihn herabzustürzen droht . Er kämpft , anhaltend , um ihn herum stürzen alle Arten von Krempel

zu Boden ; T. ist verzweifelt , ruft :

 

 

Hilfe !

 

In der Ecke des Raumes hebt sich der Fußboden , Sammys Kopf wird sichtbar , er klettert aus dem Loch , legt seine Schaufel (!) beiseite .

  1. Ist hier nicht Pompeji ?
  2. Nein , Athen .
  3. Darf ich Ihnen helfen ? ( Stützt zusamenbrechende Wand ,
  4. atmet auf .)
  5. Athen ? Nicht Pompeji ?
  6. Aber so jemanden wie mich gibt es auch in andren Städten . Graben Sie weiter , los , was hält Sie hier .
  7. Jemand wie Sie ? (sieht sich um , bewundernd ) Schöne Sachen haben Sie da !
  8. Aber viel zu viele . Nebenan , wenn Sie sich mal dahin durchbuddeln wollen : Gibt es ein Fitness-Studio ! Lauter junge Leute , lauter modern funktionalen Kram ; große Glasfenster für den Blick nach draußen . Was im Rücken der Sportler liegt , interessiert nicht . Citius , altius etc . Blick nach draußen , nach vorn . Ein Jungbrunnen . Ach , wie viel Jugend tobt sich da

aus !

  1. und SIE ? Wie kommen Sie an diesen Laden , was hält Sie hier , wenn Sie sich nicht mit diesen Antiquitäten identifizieren können ?
  2. Es war einmal …( erzählt ) eine Göttin , die ihrem menschlichen Geliebten auch zur Unsterblichkeit verhelfen wollte ….
  3. und ?
  4. Unsterblich machte Zeus mich ; dieser alte Trickser ….

Nein , ich kann und werde nicht sterben ; aber , was im

Kleingedruckten stand : Bei aller Unsterblichkeit ….werde ich  trotzdem älter , immer älter , uralt , vergammelt , verschimmelt , verrottet .

  1. Ah , Sie meinen : Wie die 68 er Bewegten ?