Lyrik

Wie kommen wir aus der Nr. wieder raus ?!

Revue

 

 

 

Sehr verehrte Damen und Herren !

Live aus dem Nekropolitan New York bieten wir heute :

 

`Das tangentiale Totenbuch ´ !!!!

Dramatis Personae

 

 

1 Klahra K. Frau um die 40 ;

2 Esperanza , Klahras jüngereSchwester  ;

3 Sebastian , junger Mann mit wechselnden beruflichen Schwerpunkten

4 Sammy : Bruder von S. ,

5 Opa : Vater von

6 Aaron , Quengler , Zyniker , Gatte von

7 Beatrix ( beide zur Zeit auf Lampedusa )

8 Oma , Großmutter von Seb.u.Sam .

9 Enkel , Kind von AAr.u.Beat.

 

Reporter

Polizisten

Postbote

 

1

Bühnenbild :

Zwei Männer gehen auf der Bühne aneinander vorbei , stutzen , drehen sich um :

Seb. Ach …Du bists ? Wirklich !

Sammy. Ach ……. DU bists ? Wirklich ?

Beide : Ach jaaaa !!! Ewig nicht gesehen

 

Für die Dauer der folgenden Szene bleiben die beiden erstarrt in Erinnerungs-bzw. Begrüßungsmotorik immobilisiert , während ….

 

2

Kameramann , Reporterin , Interviewte :

(von rechts ; R.spricht in  Mikrophon )

Liebes Publikum , wir reden hier heute in der Reihe `Auf Hochseil und Rasierklinge ´ über :

 

Die letzte Nacht der Klahra Kreuzner !

und WIR machens möglich , dass SIE dabei sind …..

 

( Rückblick , KK tritt in Lichtkegel, gähnt )

KK :

Aber : Wer weiß das schon , sage ich mir um halb drei ,

„letzte Nacht !“ ……hier jetzt , am Morgen nach der vielleicht letzten Nacht ; heute Abend wird man es wissen .

( sieht auf Wecker )

Ich drehe mich um und versuche es noch mal mit dem Einschlafen .

( hat sich bisher langsam bewegt , jetzt zunehmend  hektisch/schnell )

Bin Bombenentschärferin , offiziell `Chef-Feuerwerkerin im Kampfmittelräumdienst Niederrhein´ . Fahre gleich  mit dem Auto durch die Stadt ; durch das Viertel , wo heute Abend 18 Uhr Ortszeit die Beruhigung der englischen Fliegerbombe stattfinden soll .

( steigt auf Tretroller , fährt auch um die erstarrten Männer herum )

Fahre zum Lagecontainer , wo Information und Hardware zusammenkommen; fahre durch die Stadt , die jetzt noch –ja , genauSO aussieht , wie sie auch vorgestern oder letztes Jahr aussah ; vielleicht nur noch bis 18 Uhr Ortszeit aussehen wird  ; wenn… der Zünder , so ein rundes pimmeliges Ding , nervös reagiert auf mein Patschhändchen und die Bombe hochgeht ….. dann ist in Sekunden-Bruchteilen entschieden , dass Frau Kreuzner nicht mehr , nienie mehr  mitkriegen wird wie die Stadt , jedenfalls dieses Stadtviertel , jetzt aussieht  .

( fährt auf der Bühne herum )

Bin sozusagen eine Art Baumeister , denke ich mir ; diese Stadt , so wie ich jetzt da durchfahre , habe ICH gebaut ! Genauer gesagt  , ich habe dafür gesorgt , dass sie nach dem Krieg gebaut werden konnte , bis 18 Uhr Ortszeit habe ich die Stadt so aussehen lassen , wie sie aussieht .    Bin sozusagen eine Art Märchenerzählerin : Von mir hängt es ab , was von diesem Viertel übrigbleibt .

„Was macht so eine Feuerwerkerin , wenn sie gerade nicht entschärft ? Wie viele Bomben haben Sie denn schon entschärft ?“ fragten die Schulkinder neulich .

Ich bin Kalendermacherin , denke ich mir noch . Ein Tag und noch ein Tag , und  reiß den Tag gestern ab und schau mal auf das neue Blatt , das 24 Stunden gültig ist ; und über uns dieses Damokles-Schwert ! ( sieht nach oben) genauergesagt : Unter uns  ( fährt hektisch mit          Tretroller ) , drei Meter unter dem Asphalt , in der Schlammschicht , in der dieses rostige schlammige kaltrunde Eisen liegt , mit raffiniertem Plastikzünder , an dem die Zeit nagt , schon so lange . `So lange ´ endet heute , so …….oder so .

( Explosion !

Oder…..ein ihr akustisch angenäherter Krach in einer Disco , mit  Facettenkugel , Explosionslärm wie von Hardrock-Entertainment .Geht über in die Melodie…..

`So ein Tag , so wunderschön wie heute …´

3

( die beiden Männer von oben lösen sich aus der Erstarrung )

Aaron : Las gestern in einem Buch „Leben ist Nebel …..so irgendwie nebenher im Dunstkreis“  , das ich zur Studienzeit beackern musste : Fand da meine alten Randbemerkungen –

 

 

Sammy : Wie Mitteilungen von einem anderen Stern ?

 

  1. Quasi . Jedenfalls von einem Unbekannten . Mit treuherzigem , beflissenem Augenaufschlag auf die Welt , Froschperspektive . Und : Was ist daraus geworden ? Sieh mich an .

 

  1. Ein Erfolgsmensch .

 

  1. Ein Zyniker und Kopfschüttler .Vogelperspektive .

 

  1. Ich bin eher so ein Ach-Ja –Erforscher .Wenn Du über irgendwas stolperst , was Du auch mal warst , erlebt hast , sagst Du unwillkürlich :

 

Ach ja …..

 

gern mit dem Zusatz : Hatte ich doch glatt vergessen . Dieses

`Ach ja ´springt mal eben über ein Jahrzehnt oder mehrere , stellt auf kleinen Rempler  hin Gleichzeitigkeit her . Ach ja ! Und wir sind wieder voll da . So vollständig wie halt möglich – einem Sterblichen .

 

  1. Kenne ich ! Ach-ja- Momente sind was für Archäologen . `Ach ja ´ gilt , wenn man sein Erleben eher abgewertet hat ,  wenn man nicht ganz da war : Ein Lebensmittel-Einkauf , bei dem man an ein Gedicht denkt ; diese ewigen Vorort-Züge , die  so klebrig durch die Landschaft ziehen : Da darfst Du träumen und nimmst nur gedrosselt wahr , und wen Du da vielleicht doch siehst – der ist später für ein `Achja ´ gut .

 

 

4

s.o.Disco-Mucke schwillt wieder an ,  `Kein schöner Land in dieser Zeit ´ wird leiser..

 

Schauplatz : Mittelmeerinsel ; Palmen , Sandstrand ; deutsches Touristenpaar ist auf einen Felsen geklettert .

 

 

 

Aaron (hat sich jetzt bis auf Badehose entkleidet ) : Wie schön , dieser Sonnenuntergang.

 

Beatrice ( ganz Erotik ) : Die Arme ausbreiten und mit allem allem hinein in die Wellen ; wie sich der Tropfen auf einem Löschblatt

verliert !

 

Schiffbrüchiger (S) , der erschöpft unten am Felsen klammert und aus dem Meer klettern will :

Retten Sie mich ! Helfen Sie mir !  Ziehen Sie mich raus !

 

Sie : Ja , ja ! ich  komme ! Einen Augenblick ! Halten Sie durch .

 

Aaron : Nein …… Stopp ! Lass das ! Bleib hier !

 

Sie : Aber …

 

Er : Lass ihn da !

 

Sie : Aber ….wir müssen doch helfen !

 

Flüchtling : Sind Sie etwa Wähler der AfD ?

 

Aaron  : Gestatten Sie mir , dass ich dazu etwas aushole  …..

(Schwimmer japst ) Natürlich sind wir Christen und insofern christlicher Nächstenliebe verpflichtet . Aber …

 

Schiffbrüchiger : Aber ? Dann helfen Sie mir !

 

Er : Langsam . Also : Wir sind Gutmenschen , jedenfalls abends bei der Tageschau . Und schon gar nicht sind wir bei diesem AfD-Pack .

 

  1. : Also !

 

Er : Womit wir Schwierigkeiten haben , wenn wir Sie nach Europa oder nach Deutschland  hineinlassen : ( längere Pause )

 

 

 

Wir können nicht unsere Heimat , äh , da wo wir gerade her-

kommen …

 

Sie : Mit der TUI !

 

Er.: …..als Ziel akzeptieren , verstehen Sie , als ZIEL einer

Glückssuche . Das würde uns in eine – ich sage mal : fatale ! – Lage bringen . Schauen Sie uns an : WIR sind nicht glücklich , obwohl wir aus Deutschland kommen . Wenn wir Euch aufnehmen  , gestehen wir ein : Was sind wir für ……Versager ! Flaschen ! Loser ! eigentlich müssten wir in Deutschland glücklich sein , sind es aber nicht geworden .

 

S.: Aber , verglichen mit Mali…..

 

Er : Stattdessen fahren wir gerne ins Ausland , nach Lampedusa zum Beispiel : Schönes Wetter , Sandstrand ,  ortsüblicher Softporno…..

 

Sie ( zum Schiffbrüchigen ) : Da hat mein Mann ja sooo recht ! Und

Reisen ist ja bekanntlich ein Menschenrecht ,

 

Er ( Witzbold !) : mit dem man sich an allem rächt ! haha!

 

S.: Helfen Sie mir , meine Kräfte lassen nach !

 

Er : Und wir haben uns das auch verdient ! Wir sehnen uns ein ganzes Jahr danach , von da wegzukommen , wo Sie jetzt hinwollen ! Sehnen ist harte Arbeit ! Und nur , wenn wir hier sind , denken wir  : Ja , das ist es : Wir haben es geschafft . Weg aus diesem verregneten Deutschland !!!

(zeigt auf schönen ligurischen Sonnenuntergang , atmet tief durch und ein )

……und als Höhepunkt denken wir dann abends , bei Sonnen-Untergang :

Wie mags eigentlich den Herberholz nebenan gehen ?  Ach ,

 

 

 

ehrlich gesagt , Hilde , zuhause ists doch auch ganz schön . Das Bier ist billig , die Kellner verstehen Deutsch , das Badezimmer ist sauber , Sie verstehen !

 

Sie : Jaja ! Wenn nur nicht die vielen Flüchtlinge wären !

 

S.: Ich ….gehe ja schon , bzw. …..

( winkt ab, wendet, sticht mit schwachen Schwimmbewegungen  wieder in See ).

 

 

5

Leute laufen über die Bühne , Großstadt- Anonymität . Einer versucht , einzelne anzuhalten :

 

Sammy : SIE haben mich doch gestern um 7 am Bahnhof gesehen . Nicht wahr ?

Und SIE ( hält einen Anderen an ) an der Bushaltestelle . Nicht wahr ? Sie halfen einer Frau mit großem Kinderwagen . Sie erinnern sich doch ? Es war so gegen halb acht .

 

Beatrice,die aus Lampedusa , kommentiert :

 

Alibis ! Eine andere Art der Uhr …im Nachhinein die Bestätigung , dass man wenigstens gestern gelebt hat . Als ob ein Mensch , von Vergänglichkeit , Tod oder Vergessen und Selbstvergessen Bedrohter durch Alibis festen Boden gewinnen könnte .

 

Spricht schließlich ins Telefon :

 

Was ? Er ist gestorben ?!

Und wieso kriege ich noch nicht mal eine Nachricht , irgendwas mit schwarzem Rand ? Ach ja …vergessen …. Waren zu viele  Freunde im Adressen-Register .

Ach ja ? War ne schöne Beerdigung ? Ganz , ganz viele

kamen , alle die von früher ? Bin ich etwa nicht einer von … ?

Na ja  …was solls . Paul wars sowieso egal . Der sah ja nicht , wer da gekommen ist . Und die DIE da waren …ja , sehe ich

 

 

auch so , waren mehr im Selbstgespräch da . Oder vielleicht um zu gucken , wie die Anderen von damals jetzt so aussehen : Gezeichnet , geschlagen …oder : Hochmütig ! Betrifft mich alles nicht ! Weiß auch nicht , warum ich hier bin ; ICH halte es gut noch aus hier . etc

 

Aaron: Stimme : ER stirbt  und macht UNS zu prominentem Personal auf einer Bühne genannt Friedhof – na ja , trifft nur auf uns zu , nicht auf Frau und Familie – `er ist für uns gestorben ´, ein bisschen wie der Heiland .

 

 

6

 

Kulissen : Palmen , Stehtische

 

Aaron : Und was machen Sie jetzt so beruflich ?

 

Sammy : Arbeite bei der Süddeutschen Zeitung .

 

A : Ah , …bedrohte Tierart und so ..

 

S : Nein , mein Arbeitsplatz ist sozusagen krisensicher . Arbeite in  Spezialressort . `Mitten in der Work-Life-Balance , vulgo  Leben,  sind wir vom Tod umgeben ´.

 

A:  Sie bearbeiten die Todesanzeigen ?

 

S : Nein , es ist etwas komplizierter . Schaun Sie mal ;  allein auf dieser Fete hier haben wir so in etwa 7,5 Berühmtheiten ; der da , der da , die da , das da …und irgendwann ist da jeweils der letzte  Abgang . Endgültig . Und in der Zeitung dann am nächsten Morgen , brötchenfrisch , Würdigung , Wertung , Einordnung . Meinen Sie wirklich , da könne ein Redakteur in Nachtsitzung mal eben alle Bücher dieses Professors  quer lesen nebst Resonanzen ?

 

 

A: Habe mich auch schon gewundert .Aber es gibt ja Wiki-

pädia .

 

S:  Die liefern aber nicht die persönliche Note . Das

Wehmütige . Dieses : `Nie wieder wird er …´ .  Wir haben da wie die anderen Qualitypapers eine Abteilung , die auf Vorrat arbeitet :

SIE sterben – wir sind vorbereitet . IHREN Nachruf , lieber Freund , hatte ich erst gestern abgeschlossen – DAS war eine Arbeit , sage ich Ihnen !

 

A: MEIN Nachruf ? Was steht denn da drin ?

 

S : Lassen Sie sich überraschen …eh , sorry , geht ja nicht . Muss auch Geheimhaltung bewahren . Und dann gibt es zwischen mir und meinen Kollegen – so zur Unterhaltung  –

das Wettbüro : Welcher der Auf-Vorrat-Nachgerufenen stirbt zuerst ? Ich setze auf die Dame da drüben , die mit ihren eigenen Mode-Kreationen . Der Gewinner kriegt zehn Dollar von jedem .

Der zweite Sieger ist natürlich immer der , der sozusagen

frühzeitig fertig ist mit seinem Nachruf , muss ja nicht noch zwei Jahrzehnte weiter hinter diesem Menschen herlesen und so .

 

A : Und wissen Sie denn auch , WIE der/die  jeweilige ….

 

S.: Tja , wir haben da unten , im letzten Keller so eine geheimnisumwitterte Abteilung ….

 

7

( selbe Fete )

A:  Ach ja ! Pauls Fünfzigster ! Wieviel hat unser Geschenk gekostet ? Wieviel Salat muss man eigentlich auf so´ner Fete essen  , um wenigstens keinen Verlust gemacht zu haben ?

 

Beatrice  freundlich zu Reporter : Nein , dies ist nicht ein Treff der Gleichen , Motto : Schwamm drüber , Schnee von gestern . Die

 

 

 

Tatsache , dass alles schon so lange her ist , für alle gleichviel , macht uns nicht gleicher . Sie möchten kleine Hierarchie-kostproben ?

Vergleichen Sie mal : Die da ( zeigt ), die weniger sagt : Sie hat es einfach nicht nötig  .

Der da , der erst am Ende , 10 vor 10 kommt , fast nur mit dem Veranstalter spricht  und nebenher durchblicken lässt , dass man diesen ohnehin anderswo , gerne auch in wichtigeren Angelegenheit , sowieso sieht .

Und gaaaanz unten in der Hierarchie : Wer schlagpünktlich da ist ! flatternd glücklich aussieht , sich im noch leeren Festgarten umsieht , nervös stotternd dem Gastgeber  viel zu erzählen hätte – wenn der ihn ließe .

 

Sammy : Sorry , besser gelingt mir mein Leben einfach nicht .

 

A : Wieviel bringt wer/wie auf die Waage , wie schwer zieht das Gewicht einer  Niederlage , Erfolg und Namensschaffung ; wie sperrig die mitgeschleppten Schmink-Kulissen , wie leicht die Grandseigneure , die es nicht nötig haben , stolz zu sein , die ewigen Insider , für die auch dieser Geburtstag eher so ein Termin im Nebenbei ist : `Wir sehen uns ja gleich noch bei dem eigentlich wichtigen Treff ´ in Beruf , Politik , Liebe etc . Oder : Zeig mal , wie ist Deine Interpretation , wie gibst DU den Italiener in uns (www.Toskana.de )

 

B: Alte Säcke ! Seht Euch die verbrauchten Frauen an ! Dick , beinah runzlig , mit letzter blinder Verzweiflungsuntat an der Frisur .

 

  1. zu S: Warum nur bist Du hier ?

 

S: Wahrheitssuche vielleicht ? Jetzthierheute : Die Offen-barung , was ist aus Dir geworden , wer bist Du wirklich ?Was wir hier machen ist Wissenschaft ! `Enthüllt Euch , Eure

 

 

Wahrheitskerne, lasst es uns sorgfältig untersuchen ; gewissenhaft , jawohl , wie sich das gehört , gewissenhaft werden wir älter . ´

 

  1. : Hatte eine schlaflose Nacht , vor dem Klassentreffen übermorgen , nein morgen . 1992,93,94 : Ich rastere durch meine Biographie , Vornamen kriege ich alle noch hin , nein , doch nicht ; diese Frau …? Und zu jedem dieser Namen …..die Liste vervollständigt sich , ein Name zieht andere noch heran …..vielleicht ist das im Effekt wie Schäfchenzählen und ich

kann noch mal einschlafen ; Beatrice neben mir hat ihr leises Schnarchen , das so glücklich zutraulich klingt ; so muss es in einem Iglo im Kinderbuch zugehen . Und zu jedem dieser Namen , den der Vulkan in alle Richtungen streut , einen Musiktitel : Kalle mit seiner Fantreue zu Roxy Music !! Claude mit Elvis Costello ; man dachte , der Sänger werde irgendwann müde , aber nein : Neues Frühstück , alter Costello . Und Saskia mit Madonna .

 

B: ( zitiert ) Ich habe neulich X(aver) nochmal getroffen ……Wir treffen uns NOCH einmal …bevor das Buch sich schließt , das Schiff sinkt , die Nacht fällt .

 

S: Wir rühren im `Weißt Du noch ´. Geschichte ist wertvoller als die Gegenwart , die man geringschätzt , in der man sich sehnt  nach Wechsel , wartet auf den 8 Uhr 17  . `Weißt Du noch ´ Geschichten  geben uns eine ganz geringe Chance ….auf Revisionsinstanzen …

 

A.: Sorry , besser will mir mein Leben einfach nicht gelingen .

 

 

8

Opa mit Kleinkind auf Spielplatz , am Sandkasten . Kind füllt Sand in verschieden große Eimerchen .

 

Opa : Der liebe Gott –

 

 

K.: Gibt’s den ?

 

O.: Oder jemand , der sich als lieber Gott verkleidet  .

 

K.: Wie bei Karneval ?

 

O.: So ähnlich . Moment ! ( nimmt Handy auf ; spricht :)

Ja , hallo !  wie geht’s Euch denn ? Da unten in Lampedusa ? Ja , hier ist alles klar . Der Kleine ist ja soooo lieb . Und so wissbegierig ! Ganz der Opa . Wer spricht da im Hintergrund ? Nein ! Wirklich ? Die Kapitänin Rakete ? Ihr plauscht gerade mit der …. Das ist ja ein Ding . Ja , jetzt seh ichs auch . Okay , da machen wir besser Schluss . Ach nein , noch was . Das E-Werk hat die Preise erhöht . Kann mir bald meine Lampen nicht mehr leisten . Das wäre das Ende ! Meldet Euch ..

( wieder zum Kind )

 

O.: Jedenfalls : Der liebe Gott macht im Prinzip das gleiche wie Du hier .

 

K.: Wie ?

 

  1. Der Liebe Gott …. bastelt sich alle diese kleinen Gefäße , Menschen , Vögel , Hunde , und füllt sie alle . Womit ? Mit Zeit .

Verschieden viel Zeit , und unten im Eimerchen verschieden große Löcher , so dass der Sand einfach da raus muss , gar keine andere Wahl hat .

 

K.: ( beim Spielen ) Und so wolltest Du mir erklären , wie die Oma neulich gestorben ist ?

 

O.: Ja . Allerdings manchmal , wenn der Sand feucht wird ,  vielleicht , weil …..jemand dahinein geweint hat , vor Kummer oder auch vor Freude, dann klumpt der Sand ein bisschen und fließt nicht ganz so schnell . Aber wegrieseln muss er irgend-wann .

 

 

 

Ältere Frau ( Oma , Frau Gtruber u.ä. später ,  kommt vorbei , hat einiges mitgehört )

ÄF. Tränen , Sand …Tränen ob der Schmerzen , die  das Wegrieseln mit sich bringt . Auch Deine Oma hat fürchterlich gelitten , mein Kleiner , hat vor Schmerzen geschrien , Du hast das gar nicht mitkriegen sollen . Dass Menschen Schmerzen haben müssen ! Als Stein hätte man die nicht !  Du lebst zwar , dafür zahlst Du aber den höchstmöglichen Preis . Jede Sekunde muss man einzeln spüren  durch diesen Zeit-

Intensivierer , den Schmerz .
9

 

Szene : Friedhof

Junger Totengräber bei der Arbeit , schaufelt , flötet ein Lied (`always look on the bright side ´?), hält vielleicht ( weiteres Zitat ) einen Totenschädel ans Licht .

 

Zwei Polizisten :

Können Sie sich ausweisen ?

 

Sammy : Warum sollte ich ? Hier bitte  .

 

P.: Sie sind also Herr Samuel Kurz ….

 

S . Kurz-Lang-Kurz ! ( und für SIE ) : Semml .

 

P.: Ja , Semml , das wussten wir auch schon .

 

S.: Wieso ?

 

P.: Semml und Dolly : Sagt Ihnen das was ?

 

S .:Ja , äh, natürlich  ….

 

P.: Weshalb wir hier sind …

 

S.: Ist was mit Dolly ?

 

 

 

P.: In gewisser Hinsicht schon . Sie sind dieser Dolly ja sehr verbunden . Heben hier vielleicht schon ein Familiengrab aus . Hehe , schlechter Scherz , ich weiß . Kurzum . Dolly ist dieses Jahr auch nicht ihr erste Freundin . Vor Dolly gabs Mary , Fritzi , Layla , Debby …

 

S.: Woher wissen Sie das ? Und was ist eigentlich los ?

 

P.: Sie haben jeweils ihr Herz verschenkt …aber nicht für so ganz lange . Auch wenn Sie es vielleicht und grundsätzlich gerne länger gehabt hätten …. (zitiert )For ever Debby , Never part  Rosy , Yours till the end  Fritzi , Sie sind ein Wieder-holungstäter , was ? Na ja , jedenfalls ein romantischer Typ . Sehen sich als Romeo , treu bis ins Grab .

 

S.: Nun und ?

 

P.: Sie haben jeweils zu jeder neuen Liebe ein (1) Vorhänge-schloss am Geländer der Zoobrücke angebracht . Und Dolly gestern abend war dann definitiv zu viel . Das Geländer brach zusammen . Herunter auf die Fahrbahn .

 

S.: Und ..?

Im Hintergrund :

Sirene !

 

(Ensemble singt unsichtbar :)

Lied : Vom Hochfahren der Systeme

 

 

TatüTata die Morgensirene

ruft uns zum Choral

( der Refrain über der Stadt )

 

TataTatü es ist noch früh ,

beinah sakral

Choralrefrain bemantelt die Stadt

 

TüTaTaTa Rettungsgasse ?  -O lala !

Krankenwagen Feuerwehr

Polizei Helikopter

 

drüber ! und der Muezzin ruft

(d)runter und der Wecker blufft

nicht sondern ruft in die Gruft

 

des Tages :Tatü/Tata .

 

 

10

 

Klahra

 

singt :

Mensch , bist Du´s nicht ?

 

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , ohne den

die Welt ärmer wär

 

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , ohne den

der Denkmalsockel leer wär .

 

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , der…

Du bist doch der mit dem

ewigen Solisten-Flair .

 

Ja , bin aber heute

ja bin aber heute

incognito

in dieser grauen Meute .

 

 

11

 

Sammy rennt über die Bühne , hält Spraydose in der Hand , offensichtlich wird er verfolgt ; Beatrice hält ihn auf in entfaltetem Mantel .

 

B.: Warum wirst Du verfolgt ?

 

S.: Die Polizei …Ich habe nichts schlimmes getan , nur …

 

B.: Nur ?

 

S.:Gesprüht .

 

B.:Gesprüht ?

 

 

S.: Ja , bin Graffitti-Künstler .Da war so eine weiße Wand am Polizeipräsidium , das war gestern ; und heute die Garage vom Kampfmittelräumdienst …

 

B.: Und : Was hast Du gesprayt ?

 

S.: Weiss nicht mehr , so mein Kürzel , und was mir sonst so grade einfällt . Je nachdem , wie viel Zeit ich habe . Ich kann da nicht widerstehen . Manche Leute brüllen durch ein Megaphon , weil sie die Stille nicht aushalten . Oder sie müssen Mails schreiben , vielleicht auch Hass-Mails . Mache ich ja nicht .Oh , ich muss weg ! Da kommen die Bullen .

 

B.:Ich kann Dich verstecken , bei mir , hier in diesem Haus .

 

S.:Hier ? In dieser Villa ? ( sieht an hoher weißer Wand  empor  )

Wer sind Sie ?

 

B.:Das erkläre ich Dir drinnen .

 

S.: ( sieht um sich )Aha . Keramikmanufaktur und Marmortechnik . Soso .

 

B.: Das ist nur meine Tarnung . Fürs Finanzamt .

Komm erst mal rein . Sieh Dich um . Siehst Du ? Nirgends Plüsch und Teppich . Alles glatt , kalt, – wie zum Abwaschen !

 

S.:Dann kann ich ja bei Ihnen..?( zückt Spraydose )

 

B.: Kannst Du . Wird aber nicht halten . Ich bin die Beatrice Wisch und Weg .

 

S.: Wie bitte ?

 

B.: Na ja , was sind Namen . Ich bin die Zeit . Ich gehe über alles mit meinem Vergessens-Schwamm . Wische alles weg .

Manchmal wohne ich auch am Meer : Da wo die Wellen alle Treueschwüre im Sand wegwaschen . Nichts bleibt . Wisch und weg .

 

S.:Das wollen wir ja sehen ! ( sprüht )

 

 

12

Personalchef : ( mustert Sebastian )

Ich sags ja …der Mensch ist ein Mängelwesen

Und was haben SIE so beruflich gemacht bisher ? Viel kann es ja noch gar nicht sein .

 

Sebastian : ( erinnert sich )

War Anlageberater . Aber nur zur Tarnung . Eigentlich …..

 

Rückblick : Leere Bühne . Aus der Kulisse : Ein Schuss , ein Schrei . Dann zwei weitere. Pause . Sebastian betritt die Bühne , Revolver in der Hand , der noch raucht . Steckt Revolver ein , nimmt  I-Pad  in die Hand und will etwas nachsehen oder eintragen . Murmelt dann :

 

Das waren diesen Monat aber echt viele . Mal zählen . Darmstadt , Essen , zwei in Dortmund , auf dem Rückweg in Hamm , dann noch …und jetzt …halt , da war noch einer in  Münster , macht insgesamt jetzt : WAAAS? Echt ? Noch mal

 

 

zählen ( Wiederholung der Prozedur )  :

Tja , kann ich jetzt nichts dran ändern : Acht !….ist zwar meine Unglückszahl ( lüftet seine schuss-sichere Weste mit acht sichtbaren Einschuss-Löchern ) so was von , hat mir noch nie was Gutes gebracht . Also wirklich : Acht . War aber wenigstens Geld wert . Die Küche bleibt warm .Trotzdem . Irgendein Unglück kommt da noch .

 

Von rechts ein Briefbote mit Fahrrad .

Sind Sie der Herr  Maurer ?

 

S.:Ich ?

 

B.: Sebastian Maurer ?

 

S.:( vorsichtig ) Ja . Was bringen Sie denn ?

 

B.: Und Sie haben es noch nicht woanders gehört ? Im Fernsehen ? Oder online ?

 

S.:Was denn ?

 

B.: Mit der Ziehung von gestern , 8. August , haben Sie den Jackpot geknackt !

 

S.: ICH ? Ach ! Da hat bestimmt wieder meine Oma für mich gespielt .

 

B.: Also ! Ich bringe Ihnen hier die offizielle Mitteilung , sozusagen mit Goldrahmen und Schleifchen .Wissen Sie wie viel drin war ? Nein ? 88 Millionen Euro !

 

S.:Was? ( weiterhin großes Staunen etc )

 

B.: Viel Glück also noch . Halten Sie sich die Reporter vom

Hals . Sonst werden Sie Ihres Lebens und Ihrer Reichtümer nicht froh.

 

 

 

 

 

Auftrags-Killer ( ein solcher ist Sebastian offensichtlich ) : Und …

was  ….soll ich jetzt machen …beruflich , sozusagen ?

 

( geht ratlos herum )

Ich werde …werde…werde.. mich fortbilden . Weiterbildungsmaßnahme!

 

Postbote : Wie bitte ?

 

  1. Ja ! Werde mal meine Berufskleidung wechseln ( legt kugelsichere Weste und Pistolentasche ab )…. Gehen Sie schon , los , verschwinden Sie ! ( Postbote flüchtet )

 

S…Ja , ich könnte ja  …sozusagen…die Seite wechseln . Mir mal vorstellen …wie das so ist , wenn man stirbt . Oder demnächst sterben wird . Echt mal was Anderes .

 

 

13

Sebastian wieder im Bürosessel ; Personalchef , jetzt auch als Lektor oder

Regisseur ; liest aus Skript :

 

`Ein Mann der immer zu früh kommt ….´ gestrichen ! Missverständlich !

Sagen Wir : ` Eine Frau , die immer zu früh kommt ´

 

( Esperanza betritt Bühne )

Eine Frau , die immer zu früh kommt …

 

E : Ganz egal welche Verabredung ! welcher Fahrplan ! Sie sagen : Knautschzone ? Puffer gegen eventuelleVerspätung ? – immer zwei Minuten , bestenfalls , gerne auch 20 Minuten : Frühzeitiges Frieren auf dem Bahnsteig  , dem Zeiger folgen ; zum x-ten Mal proben , was man gleich sagen wird ; sich fragen, was Mann tragen wird , voraussagen , welche Zufälle hineinspielen ; sich den Schaffner vorstellen , Vorstellungskraft melken : Meine Vorstellungszitzen sind abgearbeitet , haben Hornhaut .

 

 

Regisseur : Genau , und  DA : Kommt der Mann , der immer pünktlich kommt  ( Mann betritt die Bühne , ein Gong schlägt ) und auf der anderen Seite : Der Mann, der immer zu spät kommt .( Anderer Mann betritt Bühne , fängt an zu rennen , als ob er einem schon losfahrenden Zug noch aufspringen will .  Rennt , gibt auf , hält inne , keucht ; sieht die anderen an .)

 

Esperanaza : Da sind wir also .

 

Mann , der immer pünktlich kommt : Wo auch sonst ?

 

Zuspätkommer : Immer noch hier ?

 

Frau : ( nähert sich Pünktlichem ) : Riechen Sie nichts ? Ich bin die

Zufrühkommerin . Als ob ich meine Unterwäsche immer schon etwas früher wechseln sollte : Nie bin ich frisch , wenns drauf ankommt  . Meine Auftritte dauern immer etwas länger , habe ich immer schon früher durchgearbeitet .

 

 

14

Fete im Hintergrund , an Bar sitzend , Blick ins Publikum :

 

Aaron :

Bin unter Mit-Gleichaltrigen unterwegs . So viele Entlarver ! Alle haben diese Varianten drauf von

 

`Hinterher ist man immer klüger ´.

 

… der deprimierendste Satz der Philosophie-Geschichte .

Ich dreh das mal um : Hinterher ist man immer dümmer . Dümmer gleich ärmer , ohne die damaligen Optionen , für dumm verkauft , ohne die Ausmalungen ,  Versprechensansprüche . Zurückgelassene , den Bus

verpasst .

 

 

 

 

 

Die Ehemalige , die da lächelnd auf mich zuschlendert :

Dass Du mich an damals erinnerst ….ist eine Blöße , die DU DIR gibst . Meine Stärke ist , dass ich mich nicht erinnere , nicht an Dich , nicht an Schauplätze .

So viele Entlarver .

Mensch , weißt Du noch , wie wir damals das Kriegerdenkmal pink anstrichen !

 

Und heute : Einige von uns machen sogar ihren Frieden mit Karneval !

 

Karnevalstusch

Was so ein echter 68 er ist :

Spätestens 86  war er angekommen . Das gilt auch für den

hier :

Begrüßen Sie  seine Tollität , Kalle den XXIX. , TaTaTaTaTa

Ta .

( gemeint ist diesmal irgendwie auf jung gemachter Opa ; der :)

 

Wir sind die  Stealth-Bomber

fliegen unter dem Radarschirm her

grau ist out ! sind farbig getarnt

Chamäleons im Farbenmeer

 

In Jeans mit Lifting

immer ein Herz für die youngster

Rolator Gladiatoren

mit Viagra ist meiner : Längster

 

unter dem Radarschirm weg

Kuckuck : Sieht mich der Tod ?

Bin grad nicht da ! und gut gelaunt

versteckt hinter Fitness-Reinheits-Gebot .

 

 

 

 

 

15

Sammy ( als  Verkehrsminister ) betritt die Bühne , schreitet mit Handwerkszeug

( übertrieben großer Schere ) auf das Einweihungsband zu . Summt :

 

 

Was ich hier mache ? nein ,

ich weihe heut mal nichts ein ;

meine Schere ist die der Zensur ;

ich trimme meine Vergangenheit nur

auf schön ! und schnipp und schnapp !

jene Peinlichkeit

fällt raus aus der Zeit !

Ich steige in Schönheit hinab

ins Grab .

 

Und draußen vor dem Fenster , auch eine Eröffnung , sozusagen , hören wir frühmorgens ( wieder ein Morgen !) die positive Gegen-Uhr : Vögel erwachen , Vogelstimmen ; die mit der Eidformel : Und wenn sie nicht gestorben sind … ( liest )

`Lehrer …..begeht Selbstmord ´( Schlagzeile eingeblendet ) .

Für sich ? Für alle ? Hatte er nicht wenigstens einen Sohn bei sich ?

`Lehrer beim Zahnarzt ´; das gibt keine Schlagzeile .

Und mein Sohn hätte sich fast entschlossen – bevor er Altenpfleger wurde !  Geschichte zu studieren !

 

 

16

Klahra

 

K.:Wieder in meinem alten Dorf . Singe den

 

 

Pendler-Blues

 

her hin hin her trans-

parent jung alt dement

 

 

wer von zuhause weg rennt

kommt zurück mit eingekniffenem Schwanz

im Radius angeleint

Geburten sind grundsätzlich gut gemeint

 

Ein Jugendlicher hängt rum an einer Bushaltestelle , sieht auf sein Display und nimmt  an diesem dunklen Winterabend nichts sonst von der leeren Straße wahr .

 

Ich,  alte Wiedergängerin in diesem meinem ehemaligen Bullerbü , weiß : Hier war früher keine Bushaltestelle ; die war weiter unten , hinter der Kirche . Ach ja , die Kirche , die ist geblieben . Mein Bruder hat da geheiratet , ich war ein kleines Mädchen  . Er ist letztens auf der Autobahn gestorben .

Ich gehe langsam an Bushaltestelle und  Teenager vorbei ; habe  , ohne dass es wer merkt , die Mehrheit auf meiner

Seite : Ich bin mit dem Dorf verbunden , dem Kirchenbezirk hier oben auf dem Hügel , auch wenn die Bushaltestelle hier neu

ist ; bin eine Art Engel , verschmolzen mit dem Dorf und seinen doch unverändert verlaufenden Straßen , da-hin , dort-hin , irgendwie wache ich über diesem Leben ; auch für den Jugendlichen empfinde eine Art Zärtlichkeit .

 

Aaron , Verkehrsminister schnippelt durch Einweihungsbänder . Läufer kommt

vorbei .

K.:Gejoggt wird immer .

 

 

17

 

Ein junger Mann , Sebastian ,  spielt Billard . Zwischendurch zum Publikum :

 

„ Ich ? Sie meinen : MICH ? Ich…. und Familie gründen ?  Hah !

Ich spiele Billard . Das ist …..Miniatur-Familie ! Stellen Sie sich vor , ich zeugte heute abend mit irgendeiner Tussi ein Kind .  Das Kind wird irgendwann weitere Kinder zeugen …Was weiß ich , was irgendein durchgeknallter Nachfahre , amerikanischer Präsident oder so ,  dann mal irgendwann mit dem Planeten

 

 

 

 

anstellt …

Und ich , hier , heute , hätte den ersten Anstoß dazu gegeben ? So ein Spermien-Fächer …“

 

( Musik : Roadblues )

Nein , ich spiele Billard . Ausser Billard interessieren mich

noch :

Alte Autos ! Irgendwie waren die auch mal unterwegs von – nach  . Von-nach .Hin-her .

 

( singt , wie Klara oben)

Pendler-Blues

 

her hin hin her trans-

parent jung alt dement

wer von zuhause weg rennt

kommt zurück mit eingekniffenem Schwanz

im Radius angeleint

Geburten sind grundsätzlich gut gemeint

 

Ich steh auf denen ! Sieh nur den da! ( Bild-Einblendung von altem Auto)

 

19

Aaron und Beatrice stehen über ein Photo gebeugt .

 

A.:Mensch …und das ist zwanzig Jahre her . Das da bist Du …und wer ist das in der Ecke ?

 

B.:Muss Mertens sein .Irgendwie , wenn ich Photos von damals sehe …

 

A.:Ja . Ich glaube , ich habs : Ich fühle mich entlarvt . Wie naiv man damals war …ich meine : Meinst Du nicht , wir sehen aus wie die Schauspieler vor einer Generalprobe  , listig in letzte Kameras hinein linsend : Ja , gleich werden wir ganz andere Typen sein : Ich bin  Don Juan …und der da ist Sancho Pansa .

 

 

 

B.:Und wieso entlarvt ?

 

A.:Entlarvt als die Leichtgläubigen . Ewig jung , immer so bleiben wie heute  . Zwar unbedingt auf Erfolge zusteuernd , logisch , aber immer so knusprig schnuckelig bleibend wie heute . Und ich schäme mich …auch vor denen , die mich damals gekannt haben , und mir Jugend und Perspektive geglaubt haben . DER wird die Welt ändern . Haha .

 

B.: Mach mal halblang . Ich sehe diese Photos ganz anders .

Ich war , wie Du Dich erinnerst , damals der weibliche Underdog , das Mobbing-Opfer . Und heute , Du weißt schon : Meine Frau , meine Jacht , mein Auto etc . Ich habe damals nicht gelogen . Für mich ist dieses Photo eine Aufnahme der Startlinie ….hin zur Befreiung .Von Euch .

( will weggehen )

 

Warte ! Warte!

 

 

20

 

Opa : Ein Gebet ? Würde ich so formulieren : Bitte lass mich und meine Frau nicht in einem dummer Autounfall sterben , während wir uns gerade zanken . Oder , auch schon schlimm genug , während eines Gelabers .

 

Äfft ein Gespräch nach :

 

„Du , neulich traf ich den Tobias , Du weißt schon , den von der Ines , und Jochen sagt ihm so einfach , stell Dir vor“ :

 

„Welchen Vornamen geben wir unserem Kind ? Also ich bin ja für Celeste , Elisabeth , Clandestine .“

 

Lauter Alibis , nichts als überzeugtes Beenden von Schulterzucken . Siehe oben .

 

 

 

21

Spieler beim Sackhüpfen , rufen im Chor :

 

Meine Frau , meine Garage , meine Kompressionsstrümpfe !

Meine Frau , meine Garage , meine Kompressionsstrümpfe !

Meine Frau , meine Garage , meine Kompressionsstrümpfe !

 

Spielleiter :

und : Zurück auf die Startlinie !

( Spieler waren im Takt auf die jeweiligen Kommandos hin vorwärts gesprungen )

 

und zurück auf die Startlinie ! Zurück , zurück , zurück !

 

Spieler murren nicht , sondern sind begeistert .

Au ja , noch mal ,bitte .

 

Englischer Lord (Sammy ) auf Grand Tour fragt :

What´s happening here ? Pray , what are these people a-

doing ?

Spielleiter :

 

Sie sehen hier am Start – das Wort ist eher unzutreffend , wie Sie gleich einsehen werden – 3 Mitglieder der 68er –

Generation , also derer , die 68 16-20 Jahre alt waren .  Dieses Jahr , 68 …!!! verstehen wir als

 

eine Art ewiger Startlinie ,

 

zu der man immer zurückkommen wird , ob man will oder nicht , und die allermeisten wollen .

 

Spieler 1 ( protestierend ): 1968  ist nie vergangen !

Spieler 2 : Nein , wir sind nicht älter geworden .

Spieler 3 : 68  war wie ein großer Bernsteintropfen , der damals auf uns fiel ! Wir sind die Schmetterlinge , die sich verewigt gefunden haben .

 

 

 

1 : Nein , wir haben weder Bauch noch weiße Haare oder Kahlschlag auf dem Kopf ; wir sind immer noch gerade nicht mehr Kinder ; noch behütet , aber schon mit Persönlichkeits-distanz . Schon in den Wehen . Wir übten an unserer Unterschrift . Wir schrieben Liebesbriefe und unser Testament .

 

2 :Hörten Hitparade , wo sich die Beatles-Titel  abwechselten . Trafen uns in Garagen ( genau ! ) , verliebten uns unsterblich für zwei Wochen , gingen wider- aber  bereitwillig abends wieder nach Hause , wo unsere Eltern uns nicht verstanden .

 

  1. :Das dauerte und dauerte so köstlich lange ; wir waren Blutsbrüder und schworen uns : Es kann kein Jenseits geben von dieser neuen Frische aus , die so heimelig beleuchtet war .

 

Spielleiter : Was wird von der 68 er Generation wirklich

bleiben  ?

 

Alle : Köche ! Noch nie konnten abgelegte Revolutionäre so fanatisch gut kochen !

 

 

22

( Aaron , Mann um die 5o , lümmelt sich im Sessel , trommelt wartend mit den Fingern auf Tischkante ,dann ins Telefon ) :

 

Ja , ich schon wieder ! Guten Morgen ! Ja , ich weiß ,

( nickt ungeduldig-einsichtig  mit dem Kopf )

Gewohnheiten ? :

( lacht )

ach hätte ich noch Zeit : Überhaupt etwas zu tun ! , etwas zweimal zu tun , mir dabei zuzusehen , mein Tun zu verlangsamen , beschwörend sagen : so will ich es AB JETZT  tun ; ab jetzt ….

(Pause )

vielleicht kann ich mir das Märchen glauben , ich habe es ja auch schon immer so getan , die Tasse HIERHER abgesetzt ,

 

 

mich morgens rasieren VOR der Dusche ; aber – ich habe keine Zeit mehr für neue Gewohnheiten , und die alten : Die sind unannehmbar , kosten zu viel Zeit ; ich spucke auf meine alten Gewohnheiten ;

(nimmt einen Schluck )

ach , was sie mich alles an Zeit gekostet haben , ehe ich ihnen auf die Schliche gekommen bin , angelogen haben sie mich dabei :

“ Wir , Deine Gewohnheiten , kosten keine Zeit , neinnein , bei uns kannst Du ausruhen ,was hätten wir mit Zeit zu tun –“

(wischt Zigarettenasche vom Schoß)

ab jetzt fällt mir alles hin , die Tasse auf der abgebrochenen Suche nach einer Gewohnheit , alles fällt mir aus der Hand , ungetragen von Gewohnheit , nicht stark genug gehalten von meiner Intelligenz , mit der ich jetzt jeden Zeitverlust ausgleichen möchte ; alles wird radikal meiner praktischen Intelligenz unterworfen ; mache nie eine Bewegung

(macht multiple  Greifbewegungen mit beiden Armen )

nur so , für sich , allein , ohne dass sie multifunktional wäre ; da fällt mir ein : Hast Du schon mal in einen Motor hineingeguckt , nein ? dacht ich mir .

( winkt lachend ab )

Habe ich gar nicht gesagt , `Frauen und Technik ´. Nein :

Was sich da an Funktionen , Rohren , Leitungen  schlangenhaft umeinander-ineinander-wickelt , und schließlich passt es alles in irgendeinen kleinen Kasten , dem man von außen nichts besonderes ansieht ; heute : Ich denke gleichzeitig doppelt ; küsse zwei Frauen auf einmal ; lege die Beerdigungen meiner Freunde terminlich zusammen ! was immer wir an Zeit verloren haben , die intelligente Bewirtschaftung der Restzeit : Das ist nicht viel , aber es ist alles .

( ins Telefon , quasi in den Hörer hineinschauend )

Wie ? Ja , genau .

Nein , meine Frau – die tut natürlich weiter so , als ob Gewohnheit –

warum DU ? Nun , ja , klar dass Du fragst , dass Du das wissen willst

( sucht offenkundig Zeit zu schinden )

 

 

warum Du –

( kommt zu einem Schluss )

WIR waren nie lange genug zusammen , und diese eine Nacht

damals – ; wir könnten jetzt alle Gewohnheiten auf den Kopf stellen ; was ich mit einer neuen Frau nicht könnte .

Mit einer neuen Frau ? würde – automatisch , wie ein Schattenwurf – Gewohnheit daraus ; auch ein one-night-stand würde nach Geh-Stütze suchen , nach Gewohnheit  , sonst kann man noch nicht mal  `Guten Abend sagen ´ oder

(lachend ) `Du hast da was ´  . Mit Dir  wäre es – wie eine Implosion ,wir kämen sozusagen aus der anderen Richtung –

( schüttelt den Hörer , sieht ins Publikum , sieht zurück auf den Hörer , steht auf , benommen ,   sagt dann langsam :)

Klar ! War ja klar ! Es  geht  ja nie jemand dran .

 

singt :

Der Katakomben Blues

 

Wir sollten es mal besser haben !

Und besser haben wirs nun…

nun haben wir den Salat :

Was mit unserem Reichtum tun ?

 

wir drehten 180 Grad ,

wir drehten vom Elend ab ,

wir sollten es besser haben !

und schaun jetzt auch nur in ein Grab ….

 

wir habens doch deutlich besser !

worüber klagt so ein Klageweib jetzt ?

und wo ist die einzige Karte ,

auf die man alles noch setzt ?

 

wir solltens mal besser haben ….

das wär doch nicht nötig gewesen !

ach Luxusproblem ! ach Luxusprobleme

Wie nur von alldem genesen ?

 

 

 

 

23

 

Sebastian wieder beim Vorstellungsgespräch . Im Hintergrund : Personalchef vor PS- Werbe Folie , und : Eine große Uhr , die rückwärts läuft .

PC.: Sie wollten noch erzählen , was Sie früher gemacht

haben , bevor dieser Anruf kam .

 

  1. ( lügt angestrengt ) Arbeitete bei ….einer Lebensversicherung …und als Tatort-Reiniger . Und …als Samenspender .

 

PC : Donnerwetter ! Und Sie kommen bestimmt  , weil Sie meinen , wir hätten was mit Automobilität zu tun? PS-starke Maseratis und so ?

 

S.: Nein . Habe mich schon informiert .

 

PC.: : Dann wissen Sie also : PS steht für  ……..

(Pause ! PC zückt eine Sprühdose und stäubt über die Bühne )

 

Patina-Spray !

 

Und Sie wollen bei uns einsteigen …..Was hat Sie denn dann an unserem Angebot interessiert ?

 

S.:( kramt ) : Sie schreiben da …Ich zitiere aus Ihrem Prospekt …..

` Vagina …tschuldigung : Patina :  Kaum auf die Welt gekommen , versucht man , alt auszusehen .Wie vom Ursprung der Welt .´

 

( singt vom Blatt :)

 

In wirklich jedem Coolness-Café besteht

( wie im Flieger : Anschnallpflicht ! ) :

Patina-Gebot ! All das Coole

flasht ohne Strandgut nicht ;

 

 

 

wie einst auf Dokumenten

es Ernst wurde erst unter Streusand :

Heute muss irgendwie Patina her ,

ein Spiegelscherben an die Wand ;

 

Orangenkiste/Küppersbusch ,

Ziegelwand und Nierentisch

Henkel Borgward Ariel

hält die Wäsche gammelfrisch :

 

Grad Jugend wills ( heimlich !) beglaubigt ,

wenn wer da Treue schwört ;

Patina gibt spezifisch Gewicht

noch pickligstem : Computer-Nerd .

 

Tja …..

eine schwere Geburt ,

ins Leben als Endspurt

hinaus ….

 

in der Altstadt zuhaus …..

wo´s Patina gibt

für diese heimelig einsamen Massen….

und wer City-Tours liebt ,

 

nein : Wer Reisen liebt ,

muss das 21. Jahrhundert hassen .

 

 

PC : Gutgut , ich merke , Sie können sogar ……lesen . Hier unser weiterer Klappentext :

 

 

Vintage !

 

 

 

 

24

Alte Frau von Bild 5 schleppt sich über die Bühne , schiebt  Rolator mit Einkäufen . Vielleicht hat sie einen kahlen Schädel nach Chemo-Therapie ; sie hält öfters an , ordnet etwas in ihrem Einkaufskorb , sieht dann in die Weite wie gerade noch eben so suchend , schiebt dann gebeugt weiter .

 

Ach ja , die Rosie . Hat vorgestern noch mal angerufen . Das hätte Fredi auch gefreut . Aua , mein Rücken . Habe ich das Katzenfutter wirklich eingepackt ? Noch mal im Korb gucken .

(Sie schiebt weiter , erreicht die Tür zum Altersheim . )

Ich will da nicht rein . Meine Heimat , mein Haus , das ist woanders .

Trauergedichte…(Text eingeblendet , liest von zerknüllltem Zettel )

 

Ich habe nicht nur

Dich verloren , sondern uns

beide…. und Alles .

 

Junge Männerstimme , aus einer Art Kontrollraum : Aber das Haus wurde doch verkauft , erinnern Sie sich nicht , Frau Gruber ?

 

Sie : Warum das Ganze ? Wer wartet auf mich ? Aua , mein Rücken . Habe ich das Futter wirklich eingepackt ? Noch mal suchen .

 

Stimme : Aber ja , Frau Gruber . Da ist es doch , links oben im Korb . Altenpfleger betritt Bühne .Zum Publikum :Früher hätte sie gar nicht erst nachsehen müssen . Sie hat nämlich als Wahrsagerin gearbeitet , mit Glaskugel und so . Sagenhafte Erfolgsquote , sagt man . Lauter : Kommen Sie rein , Frau Gruber , gleich wird es regnen . Und der Aufzug ist auch repariert , Sie brauchen nicht die Treppe hochzusteigen .

 

Sie : Aua , mein Rücken .

(Betritt Vorhalle des Altenheims , blickt sich jetzt aufgebracht um , dann laut und

verbissen : )

Warum bin ich eigentlich hier ? Und nicht …Was ist das für ein Leben ? Wofür , so allein ? Aua mein Rücken …Habe ich wirklich …

 

 

Stimme : Frau Gruber . Glauben Sie mir , ich verstehe Ihren Schmerz . Hier gibt es aber viele wie Sie . Sie sind nicht allein . Und Sie sind in guten Händen .

( Altenpflegertalk eben ,alternativlos . )

Und schauen Sie mal , was wir hier neu haben , Frau Gruber .

Sehen Sie den Stein hier vorne im Eingangsbereich , neben dem Springbrunnen ? Der liegt erst seit heute morgen da .

 

Sie : So so , aha , ein Stein .

 

Stimme : Er ist etwa so groß wie ein Fußball . Ein kräftiger Mann kann ihn aber schon  anheben . Dieser Stein soll Sie an etwas erinnern , Frau Gruber ; Sie und die anderen Patientinnen hier im Heim . ( Pause , mit Nachdruck :)

Dieser Stein ist ganz hart , abweisend ; kein bisschen , nicht das allerkleinste bisschen Leben in ihm .

 

Sie : Ach ja , Leben ….

 

Stimme : Und im Vergleich zu dem Stein ist in Ihnen , Frau Gruber , noch jede Menge Leben . Sie können einkaufen

gehen , Futter für die Katze kaufen ; mit mir sprechen ; Sie können sich an Fredi erinnern , an Rosi ; Sie sehen die Sonne dahinten , wie sie an den Wolken vorbei will . SIE leben , Frau Gruber ! Im Vergleich zu dem Stein : Wie viel Leben in Ihnen

ist ! ( eher als Frage formuliert )Und jeder von uns hat ja eine Aufgabe im Leben ? Ihre Aufgabe ist es , dieses Leben zu leben , zu erhalten , zu lieben ? Solange es eben geht ?

 

Sie : Ach ja ….na ja ….wo ist denn der Aufzug  ?

 

Stimme : Hier vorne rechts , hinter der großen Palme . Einen schönen Nachmittag , Frau Gruber . Wir sehen uns zum Kaffeetrinken um 5 .

 

 

 

 

( Frau Gruber verschwindet langsam mit dem Rolator von der Bühne . Der Pfleger , Sebastian nämlich in deutlich sichtbarem PS-T-Shirt , betritt Bühne und sieht hinter ihr her .)

Ausgerechnet  DEN Stein hier zum symbolischen Fürsprecher des Lebens zu machen ….

 

 

25

Die Fußballform bringt ihn auf die Idee, einmal gegen den Stein zu treten .

Auuuuahhh!

Guckt den Stein wütend an .

Na ja , selbst schuld . Habe den Stein übrigens vom Vesuv mitgebracht , genauergesagt aus Pompeji ; da hatte er wohl ein Hausdach auf dem Gewissen , und die Leute drunter …..Wenn das Frau Gruber wüsste …..aber sie würde es sowieso auch  schnell wieder vergessen – trotz Hellseherei .

 

( singt )

Das Pendel

 

Noch schwingt es ,  etwa

von Ost nach West ,

rechts / links und zurück ,

so lang Dich die Leine lässt ;

 

jede Ausreise etwas kürzer ,

jede Heimkunft mehr an Magnet ;

jedes Abnehmen gleich endgültig ,

links/ rechts , früh/ spät :

 

Du pendelst Dich aus ,

die Mitte wird schwer ;

das da draußen war früher mal ;

dahin kommst Du nicht mehr .

 

( ab )

 

 

 

 

 

26

Erzähler :

 

Sie kennen die kommunikativen Schrammen , die unser modernes Leben von den geordneten Strukturen eines Briefromans unterscheiden ; peinliche Verlegenheits-gesprächsmühen , wenn wer wen unversehens trifft ; soll sagen man sich nicht ausweichen kann , obwohl man sich hier heute jetzt wirklich nicht unbedingt treffen wollte – andererseits ist es ja auch nicht schlimm , nein gar nicht , nur bin ich gerade gedanklich und auch sonst ganz anders unterwegs …

Gehe ich also auf die rote Fußgängerampel los , ganz gemächlich ungetrieben ; sehe auf der gegenüberliegenden Straßenseite SIE , die ihrerseits deutlich hektischer war als ich , gerne die Straße schnell gequert hätte um Bus/Bahn/Flugzeug/ Lover  nicht zu versetzen ; über die mindestens vierspurig brausenden Autos hinweg ja, da hilft kein Leugnen , sehen wir uns jetzt  ; nein , wir brauchen keinen Fernstecher ; auf die Entfernung hin , durch den Verkehrskrach hindurch artikuliert man ungehört : Du ? Hier ? Na so was ! – oder so ähnlich . Und wenn jetzt gleich die grünen Fußgängersignale die Erlaubnis zum Straßenkreuzen geben , ist die Verlegenheit am greifbarsten : Als stünden wir nackt einander gegenüber , aber ich mit Erektionsstörung . Wo war doch gleich die Zivilisation mit ihrem Angebot von kultivierter Konvention ?  Gehen wir also beide los , bleiben dann in der Mitte stehen , wobei die Zeit der Grünphase nur kürzesten verbalen Austausch ermöglicht ; bleibt einer von uns beiden am Straßenrand stehen und wartet auf die Ankunft des Anderen ? auf dass man dann am Bordstein im Getöse wenigstens die Zeit für Grundsätzliches hätte :

Ja , wohne seit einem Jahr wieder in München ; bin jetzt bei der Bank . Und Du ? schreibst Du noch ? Habe Deinen letzten Roman gesehen , aber noch nicht gelesen , soviel Ehrlichkeit muss sein .

 

 

 

 

Warten beide , gestikulieren  , nein Du nein Ich ; verschleudern damit die Grünphase gründlich ……

Stellen Sie sich im Zirkus die beiden Hochseilartisten vor , die sich jetzt in Sprung oder Nichtsprung spektakulär verpassen .

Dem Gott des Situationismus fällt eine andere Spielart ein :

Die beiden haben sich , vom Schlag getroffen , über die Vierspurige hinweg wahrgenommen ; noch ist die Fußgängerampel rot , noch ist Zeit , zu überlegen ….und beide kehren mit Schwung und wehendem Mantel fast gleichzeitig  der trennenden Strasse den Rücken und gehen ab in die rückwärtige Richtung , die dem jeweils Anderen nun irgendwie für immer fremd bleiben wird .

 

 

27

Geselliges Treff

beim Beerdigungs-Unternehmer ( skatspielend ),  röhrendes Gelächter nach folgendem Scherz :

 

„Durch dieses Nadelöhr soll ich durch ? fragt das Leben .

Wo ist das Problem , fragt das Scheunentor .“

 

Jaja , aber jetzt : 18 ! sagt der Mann links .

Regisseur erläutert ins Publikum :

Es treffen sich hier (zeigt ) eine Gynäkologin , eine Palliativ-Medizinerin , und ein Historiker , der auf Beerdigungs-Unternehmer umsattelte . Letzterer studiert sein Karten-Blatt gerade abschließend  und sagt :

 

H.: Ich bin  ja so was wie der Trans-Substantiationsexperte

hier . Ich verwandle jede Sekunde , und sei sie trivial , in etwas , das wir im Nachhinein anbeten , bedauern , bejammern , vermissen . Wer geht mit ?

 

P.: Kinder zeugen als Zukunfts-Investition , als Unsterblichkeits-bluff  ? Dass ich nicht lache ! Mütter : Wenden sich ab von der

 

 

einen  uns zugeordneten Aufgabe : Weisheitssuche ! , delegieren an Kinder , vergessen ihre zweite übergeordnete Aufgabe : Arbeit am ästhetisch=erotischen

Potential . Auf Umwegen mag ich dann natürlich auch keine Kinder , weil sie Frauen zu Müttern machen . Und Männer zu Vätern . Oh Gott ! Warum hast Du mich verlassen !

( singt )

 

 

Wir lernen noch !

Wir lernen noch !

Wir lernen noch !

( das Lifelong Learning lebe hoch )

 

Es geht immer noch weiter

gradaus  geradeaus gradaus

der Horizont flieht

das Leben …..weicht uns irgendwie aus

 

und hinter uns rollen wir den Teppich

gehorsam wieder ein

und hinter uns bleibt nichts

stürzt alles wieder ein

 

unser roter Teppich wird einfach nicht länger

wir sind immer Anfänger

im Lifelong Learning

wir haben keinen Doppelgänger

 

 

28

Opa und alte Frau von eben :

 

O.: Jemanden gealtert wiedersehen : Altersgeläutert , aufgetaucht : So also …und nicht anders .. endlich fertig ….fertig , gültig , gereinigt….Ich erzähle Ihnen eine Parabel :

 

 

 

Habe etwas verloren , suche es zunächst nebenher , bin auch nicht in Unruhe ob des Verlustes , vertraue darauf , das Portemonnaie ( mit , soweit ich mich erinnere , nur einem

bisschen Kleingeld drin ) schon wieder zu finden . Vielleicht morgen . Habe es bestimmt nur verkramt und verlegt , ich verliere normalerweise nichts . Bin halt unordentlich .

Dann aber , von Tag zu Tag , wird mein Suchen und Nicht-Finden  hektischer , ratloser , füllt den Tag aus . Kein Bereich meiner Wohnung bleibt unabgesucht , in Frage kommende Orte außerhalb  meiner 4 Wände werden ebenfalls wieder und wieder gescannt . Mein Blick hat mittlerweile etwas Beschwertes angenommen , wie durch Scheuklappen

reduziert .

Das Verlegte wird zum Genommenen , das vielleicht endgültig Verlorene verursacht einen Phantom-Schmerz ; meine Welt wird enger , nur noch belebt durch mein Suchen ; der suchende Schritt wird schwer wie ein Stapfen , als ginge ich durch einen Lehm-Acker . Die Einrichtungsgegenstände sind Attrappen geworden  , mir in den Weg gestellt , um mögliche Fundorte zu verstellen . Anders gesagt : Die Wohnung leert sich , weil alles , was nicht der Fund ist , schwindet .

Sollte ! ( auch solche Erfahrungen gibt es , ich tröste mich vorläufig damit   ) sollte sich das Gesuchte irgendwann irgendwo finden , ist ein Rätsel gelöst , die Geschichte hat ein gelungenes Plot nachgewiesen ; ich war ferngesteuert und über eine ganze Zeit hinweg irgendwie nicht allein .

 

 

29

 

Eine Museumswärterin , Beatrice  : Sitzt gelangweilt auf Stuhl , inmitten eines Land-Art-Sperrmüll-Areals, rutscht von einer Hinterbacke auf die andere , Bodenfliesen studierend . Sirene wie oben .

 

MW.: Richtig ! Gut beobachtet !Ich sitze hier . Keine Besucher .

Ich warte .  Auf Besucher .  Jeweils im Wechsel : 5 Minuten

 

 

 

 

warte ich auf Besucher , dann warte ich auf das Ende meiner Schicht . Das ist ganz schön stressig , wie Sie  sich vorstellen können .

Wenn ich k.o. bin vom Stress , stehe ich mal auf ( tut es ) , recke mich , und schaue aus dem Fenster ( tut es nicht ) . Wenn ich das jetzt täte …ich kann Ihnen genau sagen , was es dann zu sehen gibt :

Zwei Tauben ! eine auf dem unteren , die andere auf dem oberen Ast . Und sehen mich an . Tauben sind alle verheiratet . Passen auf einander auf . Jeder eine Lebensversicherung für den anderen .Oder  sie warten vielleicht .

 

Klahra ( betritt Saal , zupft Blumenblätter …)

 

Herbstzeitlose , einmal anders …..( sieht auf ein Bild )

Ah ! Da ! Eine historische Städteaufnahme , deutsche Stadt in den 1950ern , man sieht keine Schutthalden und Bomben-trichter mehr . Stattdessen : Automobile , zeittypisch , die heute als Oldtimer sehr kostbar wären , und Menschen .

Ein Generationengemisch , unter anderem ein Junge , der halsbrecherisch schnell mit dem Fahrrad unterwegs ist , womöglich gerade aus einer Kurve getragen wird .

Diese Fotografie , die vor 70 Jahren aufgenommen wurde , ist :

Frevel . Die mittlere und ältere Generation ( `Gene –ration ´ : Ration von Genen ? ) liegt mittlerweile auf einem pietätvoll stillen Friedhof ; der Junge ist vielleicht dement , wird in einem Rollstuhl zum Mittagessen gefahren .

Wir Betrachter können nichts dran ändern . Der waghalsige Junge , der vielleicht auf seinem Fahrrad tatsächlich aufgeregt schreit , ist nur derjenige auf dem Photo , der am offen-sichtlichsten ins Objektiv hineinfuchtelt ; die anderen wissen nichts vom Fotografen und von der Aufnahme und auch NOCH

nicht von dem Tod , der ihnen bevorsteht , und den konkreten

 

 

 

 

 

Todesumständen . Jeder für sich , jeder anders , mit persön-licher Note , sagt der Zyniker , jeder in seinen letzten Momenten über seine Biographie ein Puder von Erinnerungen streuend .

Flehen tun sie alle . Sie beneiden uns Spätere , wir lassen sie zappeln . Fotografie ist eine Anmaßung , so als ob wer Besichtigungstouren durch einen Schlachthof organisierte , an der ahnungslosen Kuhherde vorbei . Das Bild hält an , was schon Minuten später verändert ist : Woran diese Menschen gerade denken , der Wolkenhimmel über ihnen . Hält an , was nicht fürs Anhalten gemeint ist . Fotografie , ein Gottesbeweis ?

Fotografie , eine Anmaßung .

 

Museumswärterin :

Die Alternative zur Unsterblichkeit wäre : Genau im richtigen , nämlich letzten Augenblick vor der Menschheitskatastrophe , also 1913 oder 1932 , unbeschwert zu sterben . Vielleicht in den Armen eines schönen Mannes .Aber dieses Leben …..

Dieses ganze Leben ist so voll von Warten . Versteckt in Warteschleifen über der Landebahn . All der ……

Warteschmutz .

 

 

30

 

In Doktorkittel : Dr. Schnittke ( Aaron )

 

DS.: In dieser Szene , liebes Publikum , geht es um Haltungsschäden , wie sie der Orthopäde  in zunehmender Zahl gerade bei  Menschen von 20 Jahren aufwärts registriert .

 

( Patient  = Puppe , lässt sich untersuchen , untermalt das Folgende vehement pantomimisch  )

Der Schmerz ? Der  kommt vom Schulterzucken

( Behandlungsraum A ) oder von  diesem Krampf , wenn man unbedingt das Schulterzucken vermeiden will ( Raum B ) ,

( klärt uns Dr. Schnittke auf .)

 

 

 

 

Ist jedenfalls die aktuelle Theorie .Wie auch SIE wissen : Alle zehn Jahre klopft bekanntlich der Tod bei Ihnen an . Sie sagen : ICH ? Nicht schon wieder ! oder : Bitte noch nicht !

Und der Tod ärgert sich , dass er so wenig ernst genommen wird , und sagt : Na gut , noch zehn Jahre ! Aber dann !

Und , nehmen wir an , Sie haben mittlerweile die 6o erreicht : Sie sagen sich schon im Vorgriff auf den nächsten Besuch von Gevatter Tod :

Und ich habe immer noch nicht den Nobelpreis bekommen ?  noch nicht mal Fortschritte auf dem Weg dahin gemacht ! Bisher war das doch alles nur

 

Probe !

 

daran will ich noch nicht gemessen werden .

In der Tat , ( fügt Dr. Schnittke  nach Pause hinzu ) Wir  sind doch alle enttäuscht :

`Ich habe immer noch nicht ´ …und steht der Erfolg wirklich zu erwarten in den nächsten Jahren ?  Was hätte mich vor 10 Jahren eigentlich daran gehindert , dem Tod achselzuckend zu folgen ? Diese Frau ? Dieser Wettbewerbs-Erfolg ? na ja …..wenig überzeugend , was man dem Tod so als dringlich und noch zu erledigen präsentiert . Und der Tod : Immer erzählt man ihm von der eigenen Unersetzbarkeit :

( auf Knien )  „Bitte gib mir noch 10 Jahre … Die nächsten Jahre müssen es wirklich bringen ! Die werden entscheiden , die werden irgendwie anders !“  Hektisch rennt man zur Tür

heraus ……

Und die eigenen Schulterblätter wissen besser , was von der Fristverlängerung zu erwarten ist . Schulterzucken : Warteraum A.

 

Na ja . WAS führt Sie also zu mir ?”

fragt Dr. Schnittke den neu Eingetretenen .

Machen Sie mal eine berufstypische Bewegung .

 

 

 

S . :Bin Auftragskiller .Bzw.war . Habe Schmerzen in der Armbeuge , wenn ich so mache ( als ob er eine Pistole aus dem Halfter

zücken wollte ). Kommt häufig vor . Letzten Monat  8 Mal .

 

31

Erzähler ,Sammy , kommentiert Pantomime der alten Frau , die sich über die Bühne schleppt :

 

Die Witwe müht sich durchs Haus ,

sammelt  zerstreut Briefe ,

ist froh wenn man sie nach Kleinigkeiten fragt ,

lauscht …als ob da wer nach ihr riefe !

ist froh wenn sie sich nützlich machen kann .

Manchmal ruft wer Unwichtiges an .

 

Der Priester (Opa )kommt zu Besuch zwecks Tröstung . Er ist ein Mann mit Geschmack fürs Unkonventionelle . Er singt :

 

Lied vom LLL )

 

Wir lernen noch !

Ja , wir lernen noch !

Wir lernen noch !

( Lifelong Learning lebe hoch )

 

Es geht immer noch weiter

gradaus  geradeaus gradaus

der Horizont flieht

das Leben ? weicht uns aus

 

und hinter uns rollen wir den Teppich

gehorsam wieder ein

und hinter uns bleibt nichts

stürzt alles wieder ein

 

unser roter Teppich wird einfach nicht länger

wir sind immer Anfänger

 

 

 

im Lifelong Learning

wir haben keinen Doppelgänger

 

Es geht immer noch weiter

geradeaus  gradaus gradaus

der Horizont flieht

das Leben weicht uns aus

 

im Brustton der Überzeugung

als seis keine Übertreibung :

wir lernen noch

wir lernen noch

 

32

Klahra lehnt sich aus dem Fenster , das sie putzt . Samuel geht vorbei , auf dem Weg zum Park ; dreht sich noch einmal nach der Fensterputzerin um .

 

Samuel: Und wo war ich stehen geblieben ….Im Park . Der späte Februar ; ein ganz ungewöhnlich sonniges Wetter mit  Draussen-Sitz-Temperaturen . Die meisten kahlen Bäume stehen noch schwarz gegen den blauen Himmel , aber die Platanen , die machen den Unterschied : Helle Stämme , nicht so weiß wie Birken , aber mächtiger , ausbreitend , reflektieren das Licht  ; sind triumphierend fahl wie Totenschädel auf Piratenflagge ; wie Verhör-Scheinwerfer , wie el Grecos Wetterleuchten   : Was für ein Vorfrühlingstag , zum Draussen-Sitzen , zum Freilufttanzen .

( Esperanza kommt ihm flanierend entgegen , er dreht sich dann nach ihr um  )

Und da begegnet mir ….eine Schöne . Schlendernd . Ich ernenne sie sofort zur Schauspielerin , sicher vom Ensemble des nahegelegenen Stadttheaters , schlendernd , vielleicht denkt sie nach , vielleicht fühlt sie sich auch in eine Rolle ein . Sie ist in ein Buch vertieft .Trägt einen kurzen Rock , hat

makellose Beine ; hat die Bühne bei sich ( vielleicht sieht sie im Theater anders aus als hier am  Teich ) , um sie herum wimmelt die Atmosphäre nur so  von Mehr-Bedeuten , Anders-Sein ;

 

 

 

Erklären müssen wollen können .

Schauspieler , wie sie  mit dem Tod spielen ! und  haben ein schnippisches Verhältnis zum Abtreten .

 

Samuel und E. setzen sich auf Parkbank

 

  1. : WIE heißen Sie ?!

 

E.: Esperanza .

 

  1. Ja klar , Bühnenname !…. . Passt aber auch zu diesem schönen Frühlingsmorgen .

 

  1. Eigentlich ist ja erst Februar . Sonnige Karnevalstage . Blauer Himmel . Samt …zum Hinauffallen .

 

  1. Und Sie sind in einer Theatergruppe ? Für welche Rolle proben Sie denn gerade ?

 

  1. In `Romeo und Julia . ´

 

  1. Ah!

 

E.: Nix Ah ! Wir sind noch ziemlich am Anfang . Erstens habe ich noch keinen Romeo-Partner . Zweitens bastelt der Regisseur  ziemlich an dem Stück herum . Am meisten scheint ihn die Idee zu faszinieren , die beiden Liebenden hätten ja auch überleben können .

 

S.. And they lived happy ever after .

 

  1. Nun ….

( Sie kramt in ihren Unterlagen  , nuschelt ein bisschen  , sagt dann )  Machen wir zwei doch eine Sprechprobe ( drückt ihm Text in die Hand ):

  1. ( liest )

 

 

 

 

Der Todesnähen Seismograph

 

wie oft nämlich wer sagt :

er habe etwas

`schon lange nicht mehr ´

getan

 

so tut als

werde es nun aber langsam

mal Zeit dafür !

ja warum denn nicht ,

 

schon lange nicht mehr,

sagt der Rentner ,

alles wartet , meinend

aber auch natürlich

 

es sei wirklich schon

ganz lange her ,

und womöglich fast jemand ganz

anderem zugestoßen .

 

( Mann arbeitet sich währenddessen von links an einem Seil entlang über die

Bühne ; zerrt ; das elastische Seil entzieht sich aber immer wieder . )

 

Noch nicht . Immer noch nicht . Wann eigentlich ? Nicht mehr . Nicht mehr . Nie mehr . Nie wieder .

 

 

33

(Kirche , Kapelle)

Sebastian :

Ich komme zur Beichte , Herr Pfarrer .

 

P.Sekunde ( hetzt in Nebenraum, kommt wieder )

 

S.:Hätte recht viel zu beichten , war nämlich von Beruf …

 

 

 

 

  1. Sekunde ( hetzt in den Nebenraum )

 

  1. Warum sind Sie so hektisch ?

 

  1. Ach wissen Sie , man nennt es glaube ich Multi-Tasking .

Habe gleich Beerdigungskaffee . Lasse schon mal die zwei Kaffeemaschinen anlaufen .Sie wissen schon : Während man das eine tut , das andere schon mal auf den Weg bringen ; das Endprodukt dann sozusagen am Bahnhof abholen ; tschuldigung , bin verwirrt ; der Stress , so viele Leute die sterben …

 

S.: Deswegen bin ich ja hier .

 

P.:?

 

S.ICH nämlich habe für den Zulauf auf Ihrem Friedhof gesorgt .

Möchte jetzt beichten . Möchte eigentlich …

 

P.?

 

  1. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen .

 

P.Ach ja ?

 

  1. Was kann man alles mit Zeit machen ….Zeit totschlagen

( Sie verzeihen das Bild ) ; Zeit austricksen ( wie mit der synchron laufenden Kaffeemaschine ) ; Zeit verschlafen …Warum kann man Zeit nicht zurückdrehen ?

 

  1. Irgendwie ..tun wir ja genau das in der Beichte . Etwas tut uns leid , und wir nehmen sozusagen eine erste Versuchs-version unseres Handelns zurück .

 

  1. Und …haben die Opfer unserer Handlung etwas davon ?

 

 

 

P.Nein . Aber wir , wir Versuchstierchen , wir Versuchende im Feld der Versuchungen . Kommen Sie mal her , soviel Zeit muss sein .

( machen ein selfie , singen )

 

 

Weltspartags-Ballade

 

Und alle zwei Meter

dieses beschleunigten Lebens

dieser Pirouetten auf schnellstem Eis

wie zum Beweis

 

auf schnellem Eis die Pirouette

als ob man Heimat nicht bräuchte noch hätte

und hier mein Alibi

hier  jetzt hier oder nie

 

für die Ewigkeitsspardose:

10 Cent : ich in großer Pose :

ich mache ein Selfie

das ist so gut als Alibi

 

34

 

Esperanza und S. haben eine Nacht zusammen verbracht , wachen morgens auf ,

rollen sich aus Decken heraus : Immer noch im Park .

 

E.: Die Vögel ! Zutrauliches Morgen-Gegurre . Schnelle Brüter !

 

S.: Wie eine Volière , das da draussen ! Soll ich das Fenster schließen ?

 

E.: Neinnein ! Die Vögel , wie sie dankbar sind , laut dankbar , fürs Nicht-Gestorben-Sein , kein mordgieriger Kater auf ihrem Ast , kein Endgültig zu-müde-Sein .

( sie greift zu einem Notizblock )

 

 

 

Der Morgen ist für mich immer wie eine Melkmaschine für

Ideen .

 

Also :

Romeo und Julia sterben nicht .

 

  1. Und wenn sie nicht gestorben sind ….

 

E.: Und DU bist mein Romeo  ! Nein , im Ernst . Du bist bühnenbegabt , komm zum Vorsprechen .

 

  1. Über welchen Text ?

 

  1. Komm , wir machen ein Selfie . Dieser Moment …..

 

Beide posieren und singen ihrerseits :

 

Weltspartagsballade

( machen ein selfie )

 

Und alle zwei Meter

dieses beschleunigten Lebens

dieser Pirouetten auf schnellstem Eis

wie zum Beweis

 

für die Ewigkeitsspardose:

10 Cent : ich in großer Pose :

ich mache ein Selfie

das ist so gut als Alibi

 

ich für mich/ du für mich/ wir für mich

ach das Bild ! das weiß ich noch

das war kurz vor dem Wespenstich

noch lächle ich

 

 

 

 

aber dann dieser Stich

den vergess ich nicht

ein richtiges Loch !

nachdem die Wespe stoch

 

wo ist das Selfie  , wo ?

das vom Alibi-Abo

es lässt Dich nicht im Stich .

Ewiglich .

 

 

35

Lautsprecher/Erzähler :

Keiner war Zeuge .

Der Bergsteiger George Mallory wurde 70 Jahre nach seinem Absturz am Mount Everest aus einem Gletscher geborgen ; identifiziert an Hand seiner zerbrochenen Uhr , seines Kompasses  , durch Reste seiner Kleidung .

Was nicht  gefunden wurde : Die kleine Kamera , die er 1922 bei sich trug , mit der er wohl auch seinen Gipfelerfolg dokumentieren wollte .

Ob Mallory nun tatsächlich VOR oder NACH  der Erstbesteigung des Everest abstürzte , könnten Kamera und  Aufnahmen womöglich belegen . Die Kamera wurde nicht gefunden .

 

Keiner weiß es .

Keiner außer .

Eine Art Gottesbeweis : Das 360- Grad- Fehlen eines Zeugen , die Stille um den letzten Moment eines Menschen .

Keiner weiß darum außer .

 

 

36

Sebastian  hat schon  Platz genommen am neuen Firmen- Schreibtisch und lädt im Folgenden eine Reihe von Personen vor . Rechts im Hintergrund : Sandkasten .  Opa und Enkel kommen von rechts , Kind klettert in Sandkasten , summt , spielt vorläufig .

 

 

 

Kind : Hält eine geleerte Wodka-Flasche hoch :

Opa ! Schau mal , was ich gefunden habe !

 

Opa : ? Ach ja .

Lässt Sand durch die Hände rieseln  , die Flasche in den Sand fallen ,

singt/brummt die

 

Ballade vom nicht ganz und immer total Neuen

 

Es gibt nur den Fall , den Aufprall ,

das Ende : Ach irgendwann , irgendwann mal …

Mein Kind ( hält die leere Flasche hoch ) und

Wodka – DAS ist ein  Fallschirm ! dämpft freien Fall ,

 

Hilfe , Hilfe ! die Bremsen versagen .

gibt’s hier keine Auffangspur im  Sand !

Irgendwiewann aus der Kurve getragen –

im Tod wird jeder zum Debütant ….

 

Es gibt nur den Fall , den Aufprall ,

das Ende : Ach irgendwann , irgendwann mal …

Mein Kind ( hält die leere Flasche hoch ) und

Wodka – ist nur so ein Fallschirm ! dämpft freien Fall ,

 

( knuddelt mit Enkelkind )

 

37

 

Im Gartenrestaurant mit Blick auf Drachenfels . Die Sprechenden an Caféhaustisch ; von nebenan kommt Stammtischlärm , lautstarker Tratsch mit kreischenden Frauenstimmen .

Aaron :

 

Flussgebet !

`Alles ist gut , ich kanns nicht ändern ; alles ist gut , ich kanns nicht ändern ´ ……..oder war es anders herum? Mit Blick auf den Fluss delegiert sich mein  Leben wie an Schiene, Tropf ,

 

 

 

Sekundenzuteiler . Zeit , meine Zeit ! hier gebannt , desinfiziert und symbolisch entschärft ; Fluss , Du bist  der Spiegel , der den Atem eines nur vermeintlich Toten  nachweist .

 

Sammy:

Die Lautstarken am Nebentisch übernehmen Verantwortung gegenüber der Leere ( wenn wir das mal positiv sehen ) . Wie mag es an schönen Tagen in Shanghai oder sonstwo in China sein ? Kellner , noch mal dasselbe .

 

Beatrice:

Ach gäbe es ein Leben von Schnappschüssen ! Wie unter Bernstein ! Seht diese jungen Mädchen  , da an Tisch eins , …na ja , von denen jedenfalls  werde ich nicht mehr erleben , dass sie alt und  mürrisch dreinsehen ; je älter man selbst wird , desto besser gelingen einem solche Schnappschüsse. Desto weniger muss man Änderungen noch fürchten . Alte Leute haben den bannenden Blick .

 

A.:

Ich könnte das übrigens wirklich  nicht : Zivildienst leisten bei den Alten . Tschuldigung , was  sagen Sie ?  Am Fluss müssen irgendwie immer alle ausser mir  lauter sprechen .

 

S:

Nach zwei Stunden Sitzen hier bin ich beruhigend aus-gewaschen . Als wäre man sonst umgeben von Gift . Eine Flusslagune .

 

B.:

Bin eben auf der Herfahrt geblitzt worden…..man beeilt sich nun mal   , um ab Ankunft  der Uhr endlich endlich Wichtiges zu messen zu geben .  Zeit-Almosen : Das ist meine Realität . Meine Sekunden ….angesichts der Ewigkeit ; ich – der Bettler , um mich herum die Zeitverschwender. Der Künstler ist ein

 

 

 

Paria , dem die Zeit ausgeht .

 

  1. Habe ich schon erzählt von Noah ? Der hält sich einen kleinen Privatzoo : Anstelle der Tiere hält er sich Uhren , verschiedenster Art , alle strategisch komponiert platziert in seinem Appartement ;

 

S.:Ach DER !

Und kuck Dir diese Alten da an ! Wie sie ihren Rollator über die Stufen wuchten . Als sähe man einem  Scherentier zu  , sie packen die Haltegriffe  mit Ingrimm , die Welt bei den Hörnern , nein die Welt soll uns nicht entgehen ….

 

A.:

Die Lautsprecher am Nebentisch ! Zuhause ist ihre Feder noch mal so richtig aufgezogen worden , um hier möglichst vital abzulaufen .

 

B.:

Wenn man seine Mitbürger ästhetisch nicht ertragen kann….  MUSS man es halt mal als Christ versuchen  . Sonst  macht man sich das Leben in der ewigen Differenz langweilig .

 

A.:

Nicht hier an der Flusslagune .

( Kellner mit Tablett :)

Diese Runde ist den Herrschaften ausgegeben worden ….von den Damen am Nebentisch .

 

A.:

Damen ? An WELCHEM Nebentisch ?

 

 

 

 

 

 

 

38

S.:  sitzt am Schreibtisch mit einem Stapel roter und einem Stapel blauer Blätter .

S.: erklärt :

 

Die blauen stehen für Bewerbungen , gerade eingegangen . Die roten für Ablehnungen . Gleich zur Post .

Um Ihnen zu zeigen , wie das geht : Hier haben wir Bewerbung Nummer 9, hier ist die Ablehnung Nummer 9 . 1o/1o , 11/Ablehnung Nr 11,  kam gestern . Was haben wir heute im Briefkasten ? Hier die Bewerbung Nr 12 , und hier….. Ablehnung Nr……12.

 

Älterer Mann(Opa ) :

Ich verschicke jetzt Bewerbung Nr 13 . Das ist bestimmt eine

Glückszahl .  Und da möchte ich , dass die Bewerbung ganz lange unterwegs ist und genau so lange meine Chance offen hält . Ich verschicke sie jetzt ( wirft in einen Briefkasten ) und ( trinkt aus Becher mit Großaufschrift : Gift ! ) : Jetzt werde ich die Ablehnung nicht mehr erleben . Sichverabschieden mit einer nicht abgelehnten Bewerbung ! Ist das das Geheimnis ?

 

 

39

Das Publikum wird  nun , ohne Angabe von Gründen  , gebeten , sich zu einer Schweigeminute zu erheben . Dann : Gitarrenwirbel , kahl frierend wie ein Hundekläffen übers Land , ein Flamenco wie Griff ins Wespennest , Flagellantismus . Einem Toten ein Windstoß über die Mancha  hinterhergeschickt . Sprecher ( per Fernbedienung : Power point )

 

Dort ! Ich sehe mich als ein gebeugter alter Mann , fummele an der Haustür kurzsichtig mit  einem Schlüsselbund . Es ist Sonntagmorgen ; bestimmt komme ich vom Gottesdienst ; nicht auszuschließen , dass man Witwer ist ; und dass man nicht nur seine Frau , sondern auch der Reihe nach , immer mehr , immer schneller  Freunde seiner Jugendzeit  verloren hat .

Vielleicht bin ich selbst krank ; vielleicht auch nicht finanziell so üppig ausgestattet .

 

 

 

 

War es das wert ?

Aller Hochmut früherer Jugendlichkeit , also der Zeit vor dem 60. , wird humorlos bestraft und lächerlich gemacht .

Welche Demütigung !

Und mir ist : Als schaute mir da wer auch noch zu , bei allgemeiner Nichtbewältigung   ! Als wäre da wer anders klammheimlich sehr enttäuscht von mir : Meine Eltern ? Die mir das Leben gaben .  Meine Ehefrau ? Der ich mein Sterben antue …

Wir müssen alle sterben , sagt sich der Soldat , wenn nicht morgen früh , dann ein paar Jahrzehnte später . Und wenn wir nicht in einem Geschichtsbuch Erwähnung finden , dann aber doch in der Sozial-Statistik , in einer wissenschaftlichen Untersuchung der Lebensumstände ( Land Stand Geschlecht soundso )  im damaligen  20. Jahrhundert .

Auch die Archäologen wird man eines Tages nur noch ausgraben .

Also : Solange ich lebe , lebe ich besten Gewissens und nach Möglichkeit lustvoll für die Vervollständigung von Statistiken . Statistische Sauberkeit , möglichst lückenlos .

Leben für jemanden ?

 

Beatrice , macht auf tatterig : Aber die Nachkommen sind doch genausowenig unsterblich . Und Mozart ist schließlich genauso tot wie Beethoven wie Rilke . Und Mozart hat Rilke noch nicht einmal lesen können . Nur um mal zu zeigen , wie absurd das Ganze ist .

 

Aber wir alle sollten den hippokratischen Eid schwören : Menschliches Leben , egal bei wem , in wem …ohne wen …..bei wem …in wem …ohne wen … grundsätzlich schmerzfrei !

( Bühnenschrift ) und immer und überall für   ( weiter weiter weiter ) lebenswert deklarieren .

Je mehr Leute je länger Johann Sebastian Bach hören können : desto sinnvoller diese Veranstaltung auf unserem Planet .

 

 

 

 

 

( singt noch mal )

Mensch , bist Du´s nicht ?

 

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , ohne den

die Welt ärmer wer

 

Du bist doch der , der…

Du bist doch der , der…

Du bist doch der mit dem

ewigen Solisten-Flair .

 

Ja , bin aber heute

ja bin aber heute

incognito

in dieser grauen Meute .

 

 

40

Sebastian grübelt :

Wo war ich stehen geblieben ?

 

Die folgenden Dreizeiler werden auf den schwarzen Hintergrundvorhang

eingeblendet :

 

 

Montag .

Er starb …Ich schäme

mich , dass ich  für so viele

andre  nicht weinte .

 

 

Dienstag .

Sterben …nur peinlich ,

dass wer Kluges wie ich auch

keine Antwort hat .

 

Mittwoch .

Unachtsamkeit : Ach

ja ….nicht mitgekriegt !  Der Tod

ist ein Plauderer .

 

 

Donnerstag .

Statistik : Nichts schützt

besser : Kaum trübend , bist Du

rücksichtsvoll nicht da .

 

 

Freitag .

Die `Ach-ja!´- Zeit greift

mit leisestem Triumph die

älteren Jahre .

 

 

Samstag .

Bonus-Jahre : Ein

Taufspruch , danach hängt man

fest an der Nadel  .

 

 

Sonntag .

 

Ist doch spannender

solange ich dabei bin ,

sagt der Lebende .

 

 

Montag .

Reife : Das Blatt weiß

wann fallen … Horlogerie ,

fasten your seatbelt .

 

  1. hat die Blätter eines Abreißkalenders über die Bühne verstreut .

 

 

 

 

41

 

Der Alte am Sandkasten :

 

Ach mein Kleiner ,

 

die Perspektive ……..bist DU!

Du bist die sanfte Sicherung ,

das Netz und der doppelte Boden ,

 

gegen das Gravitationsgesetz das Netz ,

Du bist Sinn und Ziel all meiner Episoden….

Ach Du for future ( aus meinen Lenden !?!

 

nicht aus AnderLeuts Hände Samenspenden  )

Ende all meiner mitgemachten Moden ,

gibst meiner schiefen Ebene Halt ,

 

ach Sandkasten ! bald ruh ich auch , bald .

 

schnüffelt an Wodkaflasche , schlürft widerwillig letzte Tropfen

daraus .

 

 

42

 

Klahra betritt Bühne mit einem großen Rosenstrauß . Fragt Sammy , der auf Trainingsfahrrad sitzt :

 

Bin ich hier richtig bei 50/50 ?

 

  1. Ja , zu wem wollen Sie ? Zum Rechthaber/ rechtverschafferFifty oder zum Leben-aber-richtig Service ?

 

K.: Egal .( kramt ) Sagen Sie :  Wer hat mir denn diese Blumen

geschickt ?

 

 

 

 

  1. steigt vom Rad : Das muss mein Partner gewesen sein . Ach , warten Sie : Sind Sie die Bombenentschärferin ?

 

K.:. Kampfmittelräumdienst , ja .

 

S.

Dann hat mein Partner Ihnen diese Blumen geschickt . Kleiner Dank , dass Sie unser Haus gerettet haben . Wir stehen ja am nächsten an dieser Bombenfundstelle .

 

  1. : Geben Sie Ihrem Partner die Blumen zurück . Sie brauchen Wasser . Und ein Aspirin für die Haltbarkeit . Nicht zu viel Sonne .

 

  1. Aber warum denn ? Stehen Sie nicht auf Rosen ?

 

  1. Nicht auf diesen . Und ich bin ja mal gespannt , ob fifty/1 mir jetzt einen Prozess anhängt , seelisches Schmerzensgeld wegen Verweigerung eines Geschenkes .

 

S.: Ah , ich sehe . Sie stehen auf Kriegsfuß mit …

 

K.: Mit Ihrer Kanzlei . Sie haben meinen Onkel verklagt .

 

  1. : Ihr Onkel kann ja zurückklagen . Wir leben in einer fairen freien Gesellschaft .

 

K.: Seit 68 . Ich weiß .

 

S.: Genau . Transparenz , Accountability .Mündigkeit . Jeder kann hier jeden .

 

K.: Bin zu jung , um mitsprechen zu können . Mein Vater und mein Onkel haben  68 aber mitgemacht . Und was haben die damals gewollt ?

 

 

 

  1. Transparenz , Accountability , Mündigkeit . Und damit auch für mich was abfällt : Wir sind eine große Familie . Therapie .

 

  1. Als ob jeder allein in der Wüste Gobi wäre. Mein Kopf ist der höchste Punkt , den ich sehe , mal abgesehen von der Sanddüne . Jeder kann ganz weit gucken – ohne irgendwas anderes zu sehen .

 

  1. Freiheit eben !

 

K.: Da braucht man schon einen BMW oder SUV , um das voll auszukosten .

 

S.: Gute Idee ! Kriegen Sie nebenan . Und eine Insassen-versicherung .

 

  1. Sie haben ihre Ideen in die Fläche geredet . Verdunstungsfläche, Salzpfannen ! Freiheit in der Horizontalen. Freiheit , sogar noch für 8 Milliarden Mitbürger , obwohl es da schon etwas eng wird , finden Sie nicht ?

 

  1. Ach , das kriegen wir schon hin .Wüste ist geduldig .

 

K.: Apropos Wüste : Ehe die Blumen hier eingehen , suchen Sie eine Vase und geben Sie ihnen Wasser .

( nachdenklich ) Wie wäre es , wenn wir Freiheit mal nicht horizontal verstehen , sondern – vertikal ? In die Tiefe gehend ?

 

  1. Bitte ?

 

43

( Zwei  Männer , Aaron und Sebastian ,begegnen sich im Park, links , schauen sich ungläubig an ) : Das bist ja Du ! Nein ich !

 

Lautsprecher : Reporterstimme :

Und zugeschaltet von der Börse in Frankfurt : Der neueste

 

 

 

Handelskonflikt spitzt sich zu . Nein , Vermittlungserfolge lassen sich noch nicht absehen . Es geht im Grunde um die Lagerstätten von Noch-Nicht in Amazonien . Schon jetzt wird befürchtet , dass zwei Drittel aller irdischen Noch-Nichtigkeiten …..

Klahra und Sebastian  , rechts , haben ebenfalls eine  Nacht im Park zusammen verbracht .

 

  1. Und Du bist wirklich Totengräber ? deswegen hast Du immer die Schaufel dabei ?

 

  1. Eher aus Aberglauben . Mir hat mal eine Wahrsagerin prophezeit , eine Schaufel ( findet Spielzeugschaufel des Kindes im Sand ) werde mir Glück bringen .

 

  1. Auf nach Sacramento , Goldgraben in Kalifornien ….

( gähnt )ach ja , die Vögel ! Zutrauliches Morgen-Gegurre . Schnelle Brüter !

 

Klahra steht auf , zieht ihre Sprengmeister-Montur an , schleicht noch erschöpft über die Bühne ,  nimmt aus der Tasche kürzlich eingetroffene Post ,  hebt eine Ansichtskarte hervor .

 

.: Ach ja , meine Schwester …..die Esperanza  Aus …Montreal , Kanada . Was macht sie denn da ? (liest )

Nimmt sich ja wirklich eine lange Auszeit . Immerhin war wenigstens das letzte Stück ein Erfolg . Gereist ist sie ja immer schon wie eine Wilde . Das man das noch steigern konnte …als ob sie auf der Flucht wäre . Wovor eigentlich ?

 

44

Bühne :

Eine große Uhr tickt , Zeiger dreht sich in großem Kreis .

Dazu in einem System von Glasbehältern : Korrespondierende Röhren .

 

Patina-Spray-Manager : Ah , da hat jemand noch eine Idee für ein Start-Up ?! ( liest )

„Sie kennen diese Situation , je nachdem zum Mitfiebern für Alle : Im Pokalfinale steht es 1:0 für Ihr Team , und es sind nur noch Minuten zu spielen . Der Reporter sagt , die Mannschaft fühlt : Wir kriegen den Pokal , die Zeit läuft ja – Stand jetzt !-  für UNS , gegen DIE ANDEREN .

Für …die Zeitraffer , gegen die Nostalgiker . Beide kriegen nicht mit , dass die Zeit grundsätzlich immer gegen uns läuft haha .“

( fasst zusammen )

Hier die Idee meines Business-Partners . Er bietet Kreuzfahrten an unter dem Slogan :

 

 

Bei uns läuft die Zeit für SIE !

 

 

 

Das ist erst die Hälfte : Er bietet auch noch einen Extra-

Service ! ( Fanfare : Tatatatahhhh!)

`Die Zeit läuft GEGEN Ihre Konkurrenz ´……..

 

DAS ist das totale Entspannungserlebnis an Bord der `MS Tempora ´ und ihrem Schwesterschiff `MS Clockwatch ´.

Sie fragen : Aber wie kann ich dafür sorgen , dass die Zeit GEGEN meinen Gegner läuft ?

Nun , zugegeben , wir arbeiten da erst noch an überzeugenden Konzepten ; aber eine Möglichkeit ist etwa , dass Sie auf die bewährten  Dienste unseres Free-Lance-Mitarbeiters zurückgreifen ( zerrt Sebastian ins Licht , der Pistole ins Schulterhalfter steckt   ) …..

Hier , eine Übersicht etwa über das Angebot auf der `Clockwatch ´:

Das A- Programm  versetzt Sie in die privilegierte Situation . Die Zeit verläuft für SIE langsam , soll heißen , bietet mehr vom Guten : Eine weitere Konkubine läuft sich warm (oder so ) , während für Ihren Konkurrenten die Zeit knapp wird ( Einblendung :Er kriegt den Zug nicht ) ; und das Programm B : Sie eilen mit großen Schritten auf Ihr Ziel zu , es ist fast greifbar erreicht , da fällt schon die Kugel in das richtige Roulettefeld – und ihr Partner : Dem wird die Zeit lang : Der Zug hat noch einmal 37 Minuten Verspätung .

Und das dritte Programm ?

Das kriegen Sie auf der Backbordseite , Deck C , geliefert : Da gibt es weder Zeit noch Konkurrent  : Sie liegen auf der Omega-Bank , Sie verstehen ( Einblendung :)

 

OMMM-Mega –Bank ?

 

Alles ist entspannt , Sie sind noch gar nicht geboren , haben noch nichts verloren , alles zu gewinnen , und was Sie nur wollen an Gespielinnen .

 

45

Samuel stürzt auf Klahra im Gerichtssaal zu :

 

Mein Traum ist wahrgeworden .Beziehungsweise die Weissagung der alten  Frau ! Ich bin eingeladen , an der Ausgrabung von Pompeji teilzunehmen .

( Bildeinblendung : Straßenzüge , erhaltene Fresken , Säulen )

Die Lava hat da alles erhalten ( Bilder : Mumien ) . Wie ein Fotoautomat ! Fast wie unter Bernstein ….

 

46

Gefängniszelle

 

Wärter : Sie haben Besuch !

( Insasse : Sebastian  ;  )

Freuen Sie sich nicht über Besuch ?

 

S.: Kommt drauf an .

( Besucher : Der Großvater )

Opa :Dass ich SIE noch mal treffe ….

 

  1. Aber ich bin hier ja noch länger .

 

GV: Ich nicht .( hustet )

Und wie alt sind Sie ?

 

S.29.

 

GV:Und lebenslänglich heißt …

 

 

 

S.:Na ja , normalerweise bedeutet das nur 15 Jahre . Noch nicht mal zwei Monate pro Auftragsmord .

Ehrlich gestanden : das ist nicht ausreichender Trost .

(GV hustet wieder , sonstige Zeichen von Hinfälligkeit ) .

 

GV :Ein obszönes Wort in meinen Ohren : Lebenslänglich . Leben : Fast eine nichtssagende Floskel . Mein Leben rieselt dem Ende zu , ach was , reisst mich hinweg dem Ende zu , immer auf der schnellsten Überholspur .

 

  1. Meine Zeit steht auf der Standspur . Ist eine Schnecke .

 

GV .Sollen wir tauschen ?

Mein Sohn empfahl mir schon zu meinem 60. eine Art Zeitfasten . Gegen das Zuviel an Zeitverbringen , -verprassen und –verschleudern . SIE haben nun ja viel Zeit …und Sie können von hier drinnen eine Firma leiten .Home Office .

 

S.:Welche Firma ?

 

GV.:Meine . Die mit dem Oldtimer-Kult . Alte Autos . Wie Spielzeug ! Sehen Sie sich diesen Borgward an !( zeigt Bild ) Was damals prosaisch war , mindestens praktisch , ist jetzt putzig . Wir machen unsere Vergangenheit  zur Kinderstube , verkuscheln die Bestie Leben . Womit wir damals nicht spielen konnten …jetzt sind wir am Ziel . Auf zur Spielzeug-Messe! Irgendwie auch ein ewiges Leben , finden Sie nicht ? Nostalgie als eine Form der Unsterblichkeit .Wenn Du , Zeit , bestehst auf Vergehen und Abräumen , bestehen wir auf : Weichspülen !

 

 

47

 

Immer noch Gefängniszelle .Sebastian knüllt das letzte seiner Kalenderblätter  :

 

 

 

 

Samstag

 

Ist doch spannender

solange ich dabei bin ,

sagt der Lebende .

 

  1. hat die Blätter des Abreißkalenders über die Bühne verstreut .

 

Bin , wie Sie sehen , hier noch im Knast . Daran wird sich aber gleich etwas ändern . Mein Bruder ist schon unterwegs .

In einer Ecke der Zelle hebt sich der Boden , Sammy  wirft zuerst die Schaufel auf den Zellenboden  ; hebt sich heraus , umarmt Sebastian .

 

Sammy : Gut , dass Du hier , in diesem Knast ,  gelandet bist !

In der JVA Dingsberg … . Genau , da wo der Schmitz , unser lieber Klassenlehrer , so einer von  68 , erst im Radikalenerlass geschasst , dann doch noch ganz solider Gefängnisdirektor geworden ist .

 

Beide fliehen durch den Gang , Schaufel verlässt Bühne zuletzt .

 

 

48

 

Klageweiberbetriebsausflug

( einzelner Sänger )

wir singen diesen Song auf dem …( Chor )

Klageweiberbetriebsausflug

 

und welches Motto gibt’s dieses Jahr

für den Karnevalszug ?

der Klageweiberbetriebsausflug

geht heuer zum Uhren Museum

 

in 1oo in 50 in wenigen Jahren

redet eh keiner mehr drüber

ergo bibamos , trinken wir lieber ,

bald ist die Zeit ja doch eh um .

 

 

 

49

Esperanza und Sammy

 

  1. Romeo und Julia sind nicht gestorben . Aber immer auf der Flucht .

 

  1. Das erklärt manches .

 

  1. Nicht unbedingt , warum wir immer fliegen .

 

  1. Vielleicht haben wir keine Zeit ?

 

  1. Warum wir immer mit den billigsten Airlines fliegen : Mit …Air Uganda nach Eriwan , z.B.

 

  1. Echt ? Diesmal Air Uganda ? Nach Aeroflot , Burundi Air …..

 

  1. Und wir sind schon lange nicht mehr länger als drei Tage am selben Ort geblieben .

 

 

50

 

Opa ( sitzt im Möbelkaufhaus , probiert Sessel aus , vor Postertapete mit Drachenfels-Flusslandschaft ; Opa fläzt sich in einen Liegestuhl : summt ):

 

Hier mein Angebot ! ,

jetzt seid IHR dran

Hab meinen Job getan

kann mich zurücklehnen

spar mir die Krokodilstränen

lieber Gott

jetzt bist DU dran

hab meinen Job getan .

 

( Aus der Ferne : Eine Sirene )

Habe eben im alten Familienphotoalbum geblättert . Nein , das

 

 

geht nicht ohne Ohrensessel . Ja , der hier ist gut . ( blättert ) Wie in der Gaststätte `Zum gemütlichen Massengrab ´:Guck mal ! Die lachen alle , na ja , lächeln ! Vor schöner Landschaft …. kuhäugig( blättert ) verständnisvoll schmollend ( blättert ) .Alle schon tot hier .

 

( großes Poster : ) AUSSER :

 

Diesem schönen jungen Mann , ( Bild : Sebastian )den ich hier gerade wiedersehe . Mischung aus Alain Delon und Gregory Peck mit einem Schuss Pierre Brice . Ja , wer je in seinem Leben mal so aussieht , und sei es nur für ein halbes

Jahrzehnt : Für den gilt die Unschuldsvermutung . Das ist ein Tätigkeitsnachweis .

 

( steht vom Sessel auf , geht  im Verkaufsraum rum , bleibt vor Fototapete stehen : Flusslandschaft im Abenddämmern )

 

Ach ja , hier an der Fähre …..

( weist auf Tapetendetail  ) Es ist irgendwie genug für alle da . Land of plenty . Man wird zum Fachmann für Apollinisches am Mississippi . Anderswo Unerträgliches ( das Vergehen der Zeit , vulgo : Das Altern ) wird vom Fluss  umgepolt : Zeitvergehen wird  zu Gleichförmigkeit – vom Menschen bejaht weil wohltuend unabhängig .  Hier bin ich willenlos , hier darf ichs sein .

Auch das Uhrenmuseum passt genau hierher ; an das Kölner Ufer . Die Uhren werden entschärft , sind keine Bomben-Zünder mehr , werden geduld-ifiziert  .

Ein Kuraufenthalt , eine Bäderkur. Was der Fluss mit der Zeit anstellt ? Er filtert sie ! Der Fluss schiebt und drückt weiter von rechts ins Bild wie ein sanft sturmschellend  Dringlicher . Ver-drängt er ? Insistiert er auf Berichtigung ?

 

( in der Ferne : Mehrere Sirenen , singt :)

 

 

 

 

 

 

 

Jahrhundertflut

 

wenn der Fluss in großer Pracht

überweit die Ufer verlegt ,

reißerisch schiebend

 

die Wasser leider fort von hier ,

doch neue her bewegend ;

in Glanz und Schatten und Wellen-

 

riss aller Welt zum Staunen ;

diese Einmaligkeit hat – welch

Paradox ! –  auf Dich gewartet ,

 

somit Dein Leben vergrößert .

 

Ein Fluss als Status -Symbol : Bootsanlegerparties ; die Uhr als Denkmal; Heraklit als Wächter ; wir haben kein Identitäts-problem : WIR haben einen Fluss .

 

( die Sirenen sind immer näher gekommen ; Polizisten betreten die

Bühne  , keuchend )

 

  1. Sind SIE der Inhaber des Wagens M- XY 735 ?

 

O.Ja ?

 

P.Abführen ! ( Polizisten legen Widerstrebendem Handschellen an )

 

P.:Wissen Sie , das Sie gerade auf dem Weg hierher  ( Beamter wischt auf Screen ) dreimal über eine rote Ampel gefahren sind , zweimal durch eine Fußgängerzone  , zweimal durch eine Einbahnstraße in falscher Richtung gefahren sind , jeweils mit stark überhöhter Geschwindigkeit ?

 

Opa :Jo mei , hobs halt eilig gehabt !

 

P.:Hierher zu kommen ?

 

  1. Ja !!!!

 

Warum ist es an der Donau

so schön ?

stundenlang

dem Fließen zusehn !

 

Wir haben kein Identitätsproblem :

wir haben einen Fluss !

 

52

 

In der Orangerie . Die Sonne ist bekanntlich der Juwelier der armen Leute .

Witwe :

Mache ein Kind . Das ist wie örtliche Betäubung ; ein Trostpflaster . Eine Wunde wurde wie es sich gehört ausgebrannt , an dieser Stelle passiere nichts mehr !

Dachte ich , als mein Sohn mir erzählte , ich würde Oma . Mein Sohn !

Den ich erst ganz spät in die Welt setzte , als mir schon alle sagten , die biologische Uhr ticke nur noch ganz schwach . Nach unreiflicher Überlegung , und jetzt er ! Pflanzt sich schon fort , kaum dass er …

 

( Die Witwe s.o. führt auf diese Art Selbstgespräche . S. setzt sich zu ihr ) : Wollen Sie sich vielleicht mit MIR unterhalten ?

 

Witwe, nach skeptischem Aufschauen : Nur , wenn Sie….sich für alles entschuldigen .

 

S.: Wofür ?

 

Witwe antwortet nicht , zeigt aber auf Nachbartisch : Den Mann kannte ich früher . Wir sehen die Schwerkraft der Eltern . Seine Eltern kannte ich früher auch . Ich wurde ihnen mal vorgestellt , als mögliche  Zukünftige . Er sieht seinem Vater immer ähnlicher ; der liegt allerdings schon unter der Erde . Diese Hängebacken ! Diese Buchhalterbrille . Eine letzte graue Haartolle vor dem Ausfallen . Welche Enttäuschung ! Welche Täuschung !

 

singt :Das Pendel

 

 

Noch schwingt es ,  etwa

von Ost nach West ,

rechts / links und zurück ,

so lang Dich die Leine lässt ;

 

jede Ausreise etwas kürzer ,

jede Heimkunft mehr an Magnet ;

jedes Abnehmen gleich endgültig ,

links/ rechts , früh/ spät :

 

Du pendelst Dich aus ,

die Mitte wird schwer ;

das da draußen war früher mal ;

dahin kommst Du nicht mehr .

 

 

53

 

Schild :

Fiftyfifty geben eine Fete auf dem Friedhof .Der Schmetterlingszüchterverein klagt beim Friedhofsamt darauf , dass sie zwischen den Nekropolen Schmetterlinge züchten dürfen ( wie man Plakaten entnimmt ) .

Aaron: Sage einer , wir verträten nicht auch gemeinnützige Interessen . Was sich hier entfaltet , sind Pfauenauge ,

Admiral , Dingsbumsfalter .

Eingeblendet : Gedichte zu Verstorbenen , darüber fliegen farbige

Schmetterlinge .

 

singt :

Narziss

 

Je älter :

desto besoffener

verschwimmen mir die Gesichter :

 

 

 

 

 

Vertypt wird Jeder Jeder

in einer Welt von Echos  ,

in der die Insassen nur widerwillig

 

1  Namen preisgeben :

Schlampig die Wiederbegegnungen :

„ Du tätest mir Verrat

 

gäbest Du mir EINEN Namen ,

( oder : kenntest MEINEN Namen nicht)´´.

Sie werden mich überleben .

 

Ich störe sie .

 

( die alte Frau , ruft Hund : )

Ach ja , mein Sohn , der Fotograf ….könnte mich mal wieder besuchen . Mir bleibt nur die Glaskugel ……und  der Hund !

Midas ! Midas ? Miiiidas !

 

Ach ja ! Und  die Fotographie

behält stets das letzte Wort ?

ach ja ! man lebt so weiter ,

weiter so und so fort  ,

 

Ein Geflimmer , aufdringlich kraftlos  ,

wie in der Grotte von Katzengold ;

die  `Ach-Ja´-Welt ; ein Gesicht von damals

`ach ja ´ aus Gruften hochgeholt ;

 

gegen Vektorwelt , Vektorzeit ;

`ach ja ´ ist  Zufalls- Stop ,

Bedarfshaltestelle für museal Gestimmte .

`Ach ja ´ – peinlich ! als ob

 

es im Katzengold so was

wie gerade- noch- rechtzeitig- Rückfall gibt :

 

 

`Ich hatte Dich doch schon überwunden ´ ;

was die Moräne durchs Gelände schiebt …..

 

Und wie viel Kleingeld klingelt

bei Dir ( wenn mans genau nimmt )

Krösus an nicht genutzter Kaufkraft :

Richtig ! Das war damals ich ! Stimmt !

 

Ach ja ! Und  die Fotographie

behält stets das letzte Wort ?

ach ja ! man lebt so weiter ,

weiter so und so fort  ,

 

Im Geflimmer , aufdringlich kraftlos  ,

wie in der Grotte von Katzengold ;

die Ach-Ja-Welt ; ein Gesicht von damals

`ach ja ´ aus Gruften hochgeholt …….

 

54

Bushaltestelle

2 Männer . 1 Frau . Wartend .Esperanza ( Handy schüttelnd wie stehengebliebene Uhr ) :

 

  1. Wenn wenigstens ein Taxi käme ! Dieser Flughafenbus wird auch bestreikt , scheint es . Stimmt meine Uhr ? Ist es wirklich schon 20 vor 5 ?

 

Einer der Wartenden ( zum Publikum )

 

Diese Leute meinen , sie seien an einer Haltestelle . Und Sie mit den Eintrittskarten da unten  denken , dies sei eine Bühne . Nehmen wir alle einmal  an , diese paar Meter hier  seien ein Rollfeld , eine Landebahn ; hier , nur hier , erreicht der Mensch das Tempo ,das ihn zu einem Modernen macht . Fliegen heißt nicht nur , über Bergketten hinwegschauen , von oben auf Wolken gucken , es heißt auch : Ziele sofort erreichen , von allem betroffen werden , gefährlich leben , in Hochhäuser hineinrasen , entführt werden , Bomben irrtümlich auf

 

 

Wohnsiedlungen , alles das , 2022  . Hier erreicht der Mensch diese Fähigkeit , die Startbahn  die Tür zu diesen Seinslagen , die Landebahn verlangsamt ihn wieder zu dem archaischen Urwesen , was wir ohne Busanschluss sind .

 

( imitiert wie ein Kind durch Ausbreiten der Arme , Kurvenlaufen ,,

ein Flugzeug , wirft sich dann unsanft , offensichtlich einen Absturz

nachspielend ,gegen eine Wand , kracht auf den Bühnenboden )

Beatrice , ihn betrachtend :

 

Das ist wahrscheinlich Lehrer Dr. Schmitz-Unterforder mit seiner schulischen Theatergruppe  ; Lehrer sind seit alters her

Experten im Beschleunigen und Drosseln : Konzentration! und die Welt wird angehalten ; denkt voraus , für das Leben lernen wir : Und alles ist beschleunigt . ( resigniert )

Ich komme gerade von der Beerdigung meines Vaters . Ich hatte ihn eigentlich für unsterblich gehalten , 92 ist er

geworden . Die letzten 25 Jahre ereignete sich nichts mehr in seinem Leben . Er hatte als Pensionär einen neuen , modernen Sessel gekauft ; der stand gegenüber der Tapetenwand mit Flusslandschaft .

Aaron :

Ja , ich werde nach Venedig fliegen  . Habe große Angst vorm

Fliegen . Ich kann diesen Film im Kopf  nicht abstellen , der mich fallend zeigt , immer einsamer , nie mehr zu integrieren , unaufhaltsam fallend , diese Leute , die aus dem brennenden Turm gesprungen sind : Welche Einsamkeiten um sie herum , in ihnen ; werde ich so sterben ? Natürlich , sage ich ; NATÜRLICH , SAGE ICH ?

 

( Der Flugzeugdarsteller rappelt sich auf  : )

Möglich . Je mehr Leute heute und in Zukunft erwachsen werden , vulgo sich beschleunigen , werden in dieser Beschleunigung sterben . Ja und ?Shakespeare von-bis ; Goethe von-bis ; Anne Frank von-bis ; George Harrison : 1945-2002 ;  irgendwo bleibt etwas von uns in einem Nachschlagewerk ; der Tod , das ist für einen großen

Menschen nur eine Delegation , sterb mal für mich , körperliche Hülle ; danke , Canaletto , dass Du Dich an die Regel gehalten hast und nicht Dein Jahrhundert geschwänzt hast ……Ich gehe noch mal ein bisschen in die Warteschleife, dort über dem schönen Düsseldorfer Promenadenufer , Schiffe , Hochwasser , darüber die Flugzeuge im Landeanflug oder in der Schleife …

 

Zweiter Schauspieler :

Kommen Sie ruhig auf mich zurück , gnädige Frau ! Wenn es sie interessiert ! oder pressiert !

Ich fliege nach Venedig , um einen Todesfall zu erforschen ; die dortige  Erlöserkirche wurde seinerzeit gebaut , um das Ende einer Pestzeit herbeizubeten und zu -betteln ; zwei Tage vor Abschluss des Baus stürzte ein Dachdeckermeister zu Tode.

Das waren damals noch Regisseure  !

 

Motorengeräusch , alle wenden sich erschreckt-entzückt nach links zur Kulisse ; ein Taxifahrer betritt händereibend die Bühne :

 

Ja dann wollen wir doch mal – oh ; ich kann aber nur einen mitnehmen .

 

 

55

Reklame-Anzeige :

 

Einmal so richtig loslassen !

 

Sprecher :

Billige Anfängerkurse bei Fallschirm Phally . Treffpunkt : Flughafen Schönwalde .

 

 

 

Wie ein Kleinkind , das mit stammelnden Schritten auf eine große Welt zuläuft und irgendwie weiß , dass Papa oder Mama da schon irgendwo stehen werden und zur Umarmung an-laufen : Der Springer breitet seine Arme aus , um zu umarmen ; die Welt wird immer größer ; es ist kalt , nein kühl , wie ein Mentholbonbon an einem heißen Tag ; soweit das

Willkommen ; und das Losgelassenhaben ? Du siehst nicht zum Flugzeug zurück ; aber Du weißt , ohne darüber nach-

zudenken , wie Du heißt , mit wem Du gleich ein Bier trinken wirst , was Du morgen dringend erledigen musst ; Du weißt , aber nur in kurzen Stupsern und Schupsern , nein Angst habe

ich nicht , bin schon so oft gesprungen ; ich zähle bis drei und sage mir dann : Ich springe da in eine Welt hinein , in der es die Schreibtischnervereien von morgen gar nicht gibt ; da ist der Fluss , der Wind dreht auf Südwest ; noch 580 Meter .

 

56

Der Alte :

 

Über den Gräbern

 

Täglich zum Friedhof

die Lücken aufsuchen ,

betupfen ;

 

die Bäume zum Trost  : wie sie

den Mantel um sich schlagen

als müssten sie den Bus kriegen

 

( aber wir kommen wieder )

Äste auseinander ringend

wie ein großes Zweifeln ,

 

Raschel der Ginster kurz kurzlang ,

Abwarten  nämlich von Wesentlichem :

Büsche an Mauern wie eingeschlafen

 

 

 

Geneigte . Distel : spitz

aufhorchende Hunde ;

Blätterbäusche einen Sturm

 

umgehend ;

Bäume meine neue Vervielfältigung ,

jetzt wo Du tot bist

 

bin ich

verdünnt durch die Bäume

wie ein Dreimaltäglich

 

gut geschüttelt

bin ich bekömmlich

in ihrer Runde .

 

 

57

Auftritt Esperanza .

 

Wo ist denn S. ? ( nervös )

Er wollte noch Beruhigungstabletten in der Flughafenapotheke kaufen . Mich macht das auch immer nervös ….wenn er nicht da ist .

`Bis dass der Tod Euch scheidet …´

( zum Publikum )

Stellen Sie sich vor , Ihre Ehe   ist ein Erfolg . Sie mögen sich , auch nach 2o Jahren , immer noch überdurchschnittlich . Haben wirklich noch innige Momente . Wie den vorgestern z.B. Und dann steigen Sie ins Auto , er ist genervt wegen irgendwas völlig Anderem , egal ; dann aber auch wegen Ihrer Art , das Autoradio  laut zu stellen . Sie keifen sich an , was , wohlbemerkt , eher die Ausnahme ist in dieser guten

Beziehung ; und in diesem keifig giftigen Moment baut er den Unfall mit Totalschaden an Auto , Leib und Seele ….und Sie fliegen exakt in diesem Moment des Zähnefletschens gen Himmel . Just im Moment des Nicht-Zusammenseins . Das

 

 

 

wäre doch so was wie der xte Teufelsbeweis .

Komm , Partner ,  lass uns da ein Übungsprogramm auf-

stellen : Wir bereiten uns vor auf den einen , einzigen , schlimmsten Moment . Den des Abschiednehmens .Bitte kein falsches Wort dann ! Nur das Wort , das unser Bestes Gelebtes kurz zusammenfasst .

 

Sebastian .

 

Wo ist denn Klahra ? ( nervös auf die Uhr guckend )

Noch Beruhigungstabletten in der Flughafenapotheke kaufen …

….. Mich macht DAS immer nervös ….wenn sie nicht da ist .

`Bis dass der Tod Euch scheidet …´

 

 

58

Radio-Nachricht :

 

„Tragischer Tod eines Fallschirm-Springers !!!!

 

Der erfolgreiche und passionierte Fallschirmlehrer  F. starb einen sehr ungewöhnlichen Tod . Es war sein arbeitsfreier Samstag , aber er sprang auch in seiner freien Zeit aus Leidenschaft , wie der Pilot seines Unternehmens , Herr  Weitner , sagte . Es war ein sonniger Herbsttag , herrliche Weitsicht  , allerdings bei sich verstärkendem Südwind . Fallner wurde abgetrieben und landete mitten im Rhein . Dort …..

 

Vater und Sohn singen zusammen :

( V. trägt T-shirt : no future ; S. trägt T-shirt :Hope I ´ll die before I get old  ;

Eingeblendet : F.(=Aaron ) am Fallschirm : Singt )

 

Leben

Überleben

erleben

leben aus Ideen -Mangel

eben !!!

 

Das Leben

eine Art Zwischenlager

zwischen noch-nicht und nie mehr

nichts für Vielleicht-Sager

ein Leben zum Dran-Kleben

 

na ja ….zugegeben….

wenn es das gibt :

Nach-Beben…

klar , dass es das auch gibt :

Vor-Beben ?? )

 

Noch-Leben

 

gesucht die voll verantwortete Antwort

Du lebst jeweils umgeben von Ausrufungszeichen

jeweils die Realität !

man lebt Richtung `zu spät ´

 

will mich nur  endlich ein!mal völlig

( Om!) konzentrieren

dieser Windkanal von Ausrufungszeichen

das Ziel ein noch größeres Fragezeichen

 

Du hast den richtigen Zeitpunkt verpasst

die Welt will mich nur endlos verführen

das Leben noch immer /bisher am Tod vorbeigerast

Du hast die richtige Ausfahrt verpasst

 

 

59

Lautsprecher : „Signor Sebastian , Senora Klahra , letzter Aufruf nach Alma Ata , Mongolian Skyways , bitte Gate 7 !!!!“

  1. kommt last minute angerannt . Sie schwarz , er weiß geschminkt .

Im Wechsel sagen sie , während sie die Flugkarten studieren , sortieren :

 

Ja Nein

Hello Goodbye

 

 

Du ich ich Du

hier nur hier / nur mit Dir

wir ein Reißverschluss

zwischen uns passt kein Vertrag

unsere Lippen siegeln in Lippentinte

ein Zweibeiner fällt um nach Beinamputation

wo Du nicht bist kann ich nicht sein

oh Romeo wherefore art thou Romeo

und ich nicht ?

 

K : Romeo und Julia sind nicht gestorben . Aber immer auf der Flucht .

 

  1. Das erklärt manches .

 

  1. Nicht unbedingt , warum wir immer fliegen .

 

  1. Vielleicht haben wir keine Zeit ?

 

Lautsprecher : Signor Sebastian , Senora Klahra , letzter Aufruf nach Karachi ,Pakistan Airways, bitte Gate 7 !!!

 

wo Du nicht bist kann ich nicht sein

oh Romeo wherefor art thou Romeo

 

(schreiten auf ein Rollfeld , klettern eine Gangway hoch )

K.:Behalte Du die Tickets .

 

S.: Okay . ( kramt , sieht noch einmal auf BoardingCards )

Ja . 17,18. Du Fenster , ich Gang  .

 

K.:Es gibt nur 2 Sitze nebeneinander ? Im Gang dafür Gepäck und Transportgut . Die Airline Equador ist die letzte , die noch mit der Tante Ju52 fliegt . Nicht unwahrscheinlich , dass ….und wenn nicht ……..( mit Schwung )  dann eben beim nächsten Mal .

Es gibt ja noch Air Tansania . Und wenn ….

dann sitzt Du am Fenster , ich am Gang .

 

 

60

Schild : `Kristallnacht , einmal anders  ´

 

Ein Trupp Fensterputzer schmeißt Grabmale auf einem Friedhof um ; die Steine sind durch Stühle dargestellt , die paarweise aufgereiht sind .

 

Sprecher :

 

ich übergebe dem Bagger

 

die Gräber von

Pyramus und Thisbe

Philemon und Baucis

Romeo und Julia

Hero und Leander

Ottilie und

LennonMcCartney

Marx und Engels

Fix und Foxi

 

Museumswärterin ( sitzt dabei ,  blickt auf aus Zeitung ) :

Das Schlimme am Tod ist  die Einsamkeit  , die man über ANDERE bringt . Über einen oder eine andere ; Singular ; ab jetzt mehr Singular als je , soviel Singular war noch nie . Der Reiter über den Bodensee sieht : Man war immer schon allein  .

 

61

 

Szene :

Antiquariat Tithonus

 

Ladeninhaber stemmt sich gegen eine Regalwand  , die über ihn herabzustürzen droht . Er kämpft , anhaltend , um ihn herum stürzen alle Arten von Krempel zu Boden ; Aaron ist verzweifelt , ruft :

 

Hilfe !

 

In der Ecke des Raumes hebt sich der Fußboden , Sammys Kopf wird sichtbar , er klettert aus dem Loch , legt seine Schaufel (!) beiseite .

 

 

  1. Ist hier nicht Pompeji ?

 

  1. Nein , Athen .

 

  1. Auch nicht Ankor ?

 

  1. Njet Ankor .

 

  1. Darf ich Ihnen helfen ? ( Stützt zusamenbrechende Wand ,
  2. atmet auf .)
  3. Athen ? Nicht Pompeji ?

 

  1. Machen Sie sich nichts draus , so jemanden wie mich gibt es auch in andren Städten . Graben Sie weiter , los , was hält Sie hier .

 

  1. Jemand wie Sie ? (sieht sich um , bewundernd ) Schöne Sachen haben Sie da !

 

  1. Aber viel zu viele . Nebenan , wenn Sie sich mal dahin durchbuddeln wollen : Gibt es ein Fitness-Studio ! Lauter junge Leute , lauter modern funktionalen Kram ; große Glasfenster für den Blick nach draußen . Was im Rücken der Sportler liegt , interessiert nicht . Citius , altius etc . Blick nach draußen , nach vorn . Ein Jungbrunnen . Ach , wie viel Jugend tobt sich da

aus !

 

  1. und SIE ? Wie kommen Sie an diesen Laden , was hält Sie hier , wenn Sie sich nicht mit diesen Antiquitäten identifizieren können ?

 

  1. Es war einmal …( erzählt ) eine Göttin ( Einblendung : Aphrodite , wellengeboren ), die ihrem menschlichen Geliebten auch zur Unsterblichkeit verhelfen wollte ….

 

  1. und ?

 

 

 

A.( nimmt Rolle des Tithonus ein , setzt sich hässliche Runzelmaske auf ) `Unsterblich´ machte Zeus mich ; dieser alte Trickser ….Nein , ich kann und werde nicht sterben ; aber , was im Klein-gedruckten stand : Bei aller Unsterblichkeit ….werde ich  trotzdem älter , immer älter , uralt , vergammelt , verschimmelt , verrottet .

 

S.: Ah , Sie meinen wie die 68er ?

 

 

62

Bei der Notarin ( Beatrice ) .

Firmenschild :

Titel , Thesen ,Testamente

 

  1. offensichtlich im Gespräch mit Klahra u.Sebastian :

 

Und sie riskieren einen Flugzeug-Absturz ? Auch jetzt gerade ? Aber so ein Flugzeugabsturz ist doch sicherlich auch eine sehr belastende Sache ; ich meine : Umweltbelastend , eventuell steht da  , wo der Flieger runterkommt , gerade die Patentante .

Unsere Notar-Gemeinschaft ist da auf die saubere  Lösung gekommen : Wir haben der Naturschutzbehörde in Portugal diesen Felsen und die Zugangsrechte abgekauft . Solide 8o Meter hoch , Personenkontrolle beim Aufstieg ; über dem Tejo ; wenn Sie sich  runterwerfen , freuen sich die Fische , und sonst  kein Schaden nirgends  . Einen Fluss wollten Sie sich doch schon immer mal  so richtig : Aneignen ?

( Pause )

Notarin :Ja , wir haben da unten auch ein Schiff . Für die schönen letzten Stunden . Unser Schiff , die `Tithonus ´ , Flaggschiff der

 

Tithonus  – Line

 

bietet Kreuzfahrten , vor allem Flussfahrten . Für die ganz

 

 

 

 

Alten !

So ein Fluss mit seinem regelmäßigen Hintergrunds-Rauschen …ich zitiere aus dem Testbericht ( blättert ) : Was könnte schöner das regelmäßige Atemgeräusch des ehelichen Bettpartners ersetzen , ein-aus-ein –aus , schnarch ; schnarch ; als das Plätschern der Bugwelle , das ganz langsame Vorübergleiten an Flussufern ….und Urnenbestattung auf dem Fluss machen wir natürlich auch .

Sie kommen vielleicht in  30 Jahren noch mal vorbei ? Das sagen alle , aber diese 30 Jahre sind vor unserem Service wie ein Tag .

 

63

Alte Frau :

Das konnte ja nicht gut gehen ! Haben Klahra und Sebastian und Sammy und Esperanza und Aaron und Beatrice ( wird unterbrochen ) nicht gemerkt , dass dieses Hoch ein Zwischenhoch war ? Eine Blase ? Die irgendwann platzen würde ?

 

Opa.: Na ja , das ist die Arroganz des Nachgeborenen und Besserwissers ! Wenn das Zwischenhoch einen doch durch die Biographie so leidlich hindurchträgt ? Dafür ausreicht , dass man selber weder Täter noch Opfer sein muss ? Stell Dir vor , das Zwischenhoch , die stabile Seifenblase trägt Dich bis ins Jahr 1913 , damals ansässig in der Schweiz oder in Schweden ; stell Dir vor , Du kriegst die nächste ganz große Katastrophe gar nicht mehr mit ?

 

AF.: Du meinst das klassische `Nach mir die Sintflut ´, nicht wahr ?

 

  1. Klingt unsympathisch unter den Lebendigen . Aber bei den Historikern und Nihilisten ….; bei den Engeln ….. klingt das ganz anders !

 

Und wenn sie nicht gestorben sind …..

 

 

 

SIND SIE ABER ! ( Ruf des Ensembles )

 

 

64

 

Haiku als Einblendung

 

Am Flussufer : Wie

Expander-Ziehen : Weit , ganz

weit – umarmungsweit .

 

 

Musik : Pariser Akkordeon-Thema :Opa singt :

Warum ist es an der Seine so schön ?

 

Ganz Klimt-scher Lametta-Teppich

wälzt sich der Fluss aus dem Alltag  heraus

und kehrt uns den Rücken zu und :

die ganze Welt kommt –  ohne mich aus !

 

mein Gott ist das beruhigend

die Welt hat mir alles verziehen

wer an Tagen wie diesem hierherkam

der braucht nicht mehr weiter zu fliehen …

 

die Seine zählt in ihrem Glasbruch

mir alle Sekunden vor :

wer wäre vor diesem Spiegel nicht reich ?

der Tag weitet sich, bietet  jeden Komfort .

 

 

Fläzt sich dann in den Liegestuhl :

 

Hier mein Angebot ! ,

jetzt seid IHR dran

Hab meinen Job getan

kann mich zurücklehnen

 

 

spar mir die Krokodilstränen

lieber Gott

jetzt bist DU dran

hab meinen Job getan .

 

 

Denksport –Aufgabe ( ans Publikum )

( warum ist es an der Seine so schön ?

wobei : auch die Rhone

ist nicht ohne ! )

 

: ein Fluss als Status –

symbol : Bootanlegerparties

 

die Uhr als Denkmal

Heraklit als Wächter

 

ich als Vater ;

da sagen die im Herrenhaus  :

 

wir haben kein Identitätsproblem :

wir haben einen Fluss

 

 

 

65

Erzähler :

 

und Vater und Sohn ( Opa und Aaron )gehen in diese Szene-Kneipe in Chelsea , THE CLOCK AND THE SCALES ( die Uhr und die Waage ) , auf mehrere Versöhnungsdrinks .

 

Sohn : Wieso heißt die Kneipe eigentlich so ?

 

Vater : Mal die Barfrau fragen .

 

 

 

 

B.( Oma ): `Clock ´ steht für das Unwiederholbare , das Verloren-

gehen . Und die Waage : Jeder Moment bringt Wahl-möglichkeiten ; Du musst Dich entscheiden , Du entscheidest Dich , Du nimmst EIN Gewicht von der Schale  …und die anderen Möglichkeiten sind dann  abgekippt , weg ,

nicht mehr einzufangen .

( zuckt Schultern , fragt :)

Was darfs denn sein ?

To be or not to be ?

 

TO BEEEEEEE! ( Chor des Kneipenpublikums  singt nochmal ,zusammen mit Opa , Museumswärterin und Frau Gruber , auf Sarg sitzend , schunkelnd undoder schluchzend wie beim Kaddish ):

 

Hymne …….auf die Perforation  !

wenn sich da wer Gedanken macht schon  :

Ist reißfreundlich das Klopapier ;

die Trennung geht dann einfach : Hier ! ( ratsch !)

Oh Du Abschiedsvereinfacher ,

Perforation Du Leichtmacher ,

dass man mit sich im Reinen ist ,

`ach weisst Du noch ´ nicht an Dir frisst ;

 

ein Brückenabbruch , der Brücken abbricht ,

die Boote verbrennt ! NICHT

zurückschaut , wie .. ( einst ! Oh Fehler !!!!! Oh Orpheus ,

der nicht um diese Lücken weiß ;

zurücke bleibt Eurydike … ).

Lücke auf Lücke auf Lücke .

Abrisskante  Du Sollbruchstelle

für den Abschied auf die Schnelle ;

 

Oh Du Abschiedsvereinfacher ,

Perforation Du Leichtmacher ,

dass man mit sich im Reinen ist

kein `weisst Du noch ´ mehr an Dir frisst .

 

 

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Zeitungsaufmacher /Einblendung : Erzähler liest :

 

„Altenpfleger ermordet 60 Heiminsassen …..“

 

Nach dem täglichen Mord genehmigt sich der Altenpfleger

wahrscheinlich erstmal einen Latte Macchiato . In seinem vorläufigen Stammcafé . Geschmacksfragen halt . Man sitzt downtown , in einem ehemaligen Neuanfang , jetzt ungefähr als das Letzte gealtert ; 60 Jahre lang linientreuer Beton , jetzt mit mürber Patina ; wer  jung ist nutzt das Café als Zentrifuge ; dieses Nomadencamp . Seine modische Mindesthaltbarkeit ist fast schon deutlich überschritten : Das flaumigste Neue stiehlt sich Patina .

 

 

Hier ( in besagtem Coolness-Café )

besteht ( wie anderswo Anschnallpflicht ) :

Patina-Gebot ! All das Coole

flasht ohne Strandgut-Look nicht …..

 

 

67

( auf Flughafen-Gangway ) S. an Klahra gerichtet :

 

Es gibt ja noch Air Tansania .

Und wenn ….

wir halten Händchen ,

Du sitzt am Fenster , ich am Gang .

 

 

68