Lyrik & Foto

Lutetia Mon Amour

oder : Wohin mit der Aristokratie ?

1

Porte de la Chapelle : Durch diese Höllenpforte musst Du hindurch , unter dem Rollfeld des Péripherique her , Umnachtung über fünf Fahrspuren ; dann , am Ende des Tunnels im Tageslicht , erwachst Du vor der Betonrampenheimat der Obdachlosen : Nur Schwarze , nur Männer , nur Lumpen und Dreck ; sie betteln , weil Du zum Stehen gekommen bist , daran wird sich die nächsten drei Kilometer stadteinwärts wenig ändern : Stoßstange an Stoßstange , ein teilchenbeschleunigtes Gewitter von Limousinen und Zweirädern , die Ampeln blinken hilflos drein .Überall die erstaunlichsten Manöver von selbstbewussten Zweirädern , wie ein Mückenschwarm unterwegs .

Bliebe man hier auf der Strecke liegen , einfach so stehenbleibend , mit Motorschaden oder mangels Benzin , fünfspurig im Stau und  hinter Dir noch mehr Stau verursachend – Preisfrage : Wer würde Dir schieben helfen ? Just jene schwarzen obdachlosen Männer , denen Du keinen Almosen gegeben hast .

2

Hallo Gabi , ich erfülle gerade meine Bürgerpflicht und bin in Paris  , wenn sie mich denn hereinlassen . Ja , ich stehe gerade Rue Magenta , Nähe Gare de l´Est , ach wäre man mit dem Zug gekommen .

3

Das Dixième öffnet ( dann doch noch ) weit seine Theatervorhänge , hereinkommt das Patina , das so tut als sei es schon immer da gewesen . Ohne auf alt gemacht sein , ohne Patina geht hier in den  strassenweiten Cafés der Jeunesse Dorée  gar nichts , wechselt kein Euro den Besitzer , wobei Du die freie Wahl hast zwischen kalabrischer , kantabrischer , maurischer  und natürlich provenzalischer Patina .  Nein , Industriebrachenpatina , Nord de la France , gibt es denn dann doch nicht . Demnächst vielleicht !

4

Im  Frühstücksfernsehen wirbt am nächsten Morgen ein schwarzer (!) Renault-Topmanager für das neue Rennauto-Modell ; angeblich oder unausgesprochen sei es auch tauglich für die bekannten Szenen an der Porte  de la Chapelle .

5

Ich bin berufen ! Rufe ich morgens vom Hotelfenster in die noch unbelebte Stadt.

6

Dabei ist der Tourist doch der Mensch ohne Daseinsberechtigung par excellence , Wichtigtuer , Schmarotzer : Was suche ich ? Darf ich eigentlich suchen ? Bin ich das Scheidewasser , das trennt ; der Minenhund , der herausfindet : Was ist echt , was nicht ?

Migration einmal anders , ästhetisch sozusagen eine H-Bombe . Warst du je in Paris ( ich versuche gerade Deine Existenz als Tourist zu entschuldigen )  , warst Du jemals hier ( was nicht mehr rückgängig zu machen ist ) : DANN mache bittebitte eine Orgie des Schweigens daraus .

7

Die Metro ist redlich , im Vergleich . Sie ist wie der Gebetsraum einer Kirche  . Wir sind hier , um wegzukommen  : In den Himmel oder zur Porte Clignancourt . Wir reinigen uns von der fetten Obszönität , DA zu sein (= hier und jetzt , vor einem vorsortierten Motiv ) .

8

Der Geist ist aus der Flasche

und kehrt nicht mehr zurück

aus uns werden nie mehr Nicht-Kreative

aus uns werden nie mehr Zuhörer

wir sind die patentierten Ruhestörer

Genießer sukzessive

von gauche und droite rive

WENN wir gerade nicht Künstler sind …

taugen wir noch zum Claqueur

bei der Satire-Show

ich schwör !

wenn der Komiker es allen so richtig gibt

dann wollen wir auch aufs Gruppenphoto

nur so sind wir noch zu disziplinieren

nur das gibt Nestwärme : Nie wieder frieren !

Aus uns werden nie mehr nicht –Kreative …

uns Künstler gibt’s auch in Ibbenbüren !

wir dulden keine Leuchttürme mehr ,

sind selber Glühwurm….war gar nicht schwer !

9

Down and out in Paris and London : Wie exotisch fühlt sich so ein echter Pariser ( Sie meinen : Hier lebend , hier arbeitend ? ) , wie überfordert , quasi als ein Atlas , der die Welt schultert : Würde er sagen : Ihr guckt mich alle so an , als wäre ich hier DER Maßstab : Ich bin Eure Heimat ? Ihr seid die Heimkehrer ? (Und ICH ? )

10

Jetzt bin ich gerade mal der schlecht rasierte  englische Aristokrat , in der Sonne an der Fontäne und im Waffenstillstand-Modus . Ein Ex-Combattant . Veteran der Emanzipationskriege : Habe mich von Zielgruppe und Klientel emanzipiert , sagt der schlecht rasierte englische Aristokrat  .

11

Paris lebt schon seit längerem im Belagerungszustand . Sagen wir : Seit der Commune 1871 . Heute hält uns die ökonomische Verwertungskralle an kürzerer oder längerer Leine und im Anakonda-Griff. An der Rue Vaugirard , wenn ich einmal petzen darf , gegenüber vom Jardin de Luxembourg , gibt es folgende Ladenkennzeichnung  :

Oldfashioned homemade Bagels !!!!!

Schließen wir aus der Wortwahl : Man ( wer ? US-Citizens und solche , die es sein könnten )  kommt ( ausgerechnet ) nach Paris , weil….

Schleuse und Flutung . Ja , es war früher anders ( et ego in Nostalgia ):

1950/40/30/20

gab es keine Massen/reise/shuttles .

Gottlob , sehr viel  anderes aus der Angebotspalette wird auf französisch beworben : Augenzwinkernd  sagt die scheinbar strenge Lehrerin :

NAAAAA? habt ihr auch Eure Hausaufgaben gemacht , Ihr wackeren Teutonen , und Ihr , liebe East-Coast-Kultivierte ? sodass Ihr wisst , was Ihr hier billigerweise  landestypisch essen , trinken , irgendwie halt erstehen könnt ? Völker , versteht ihr die Signale ? Ja , dann……

12

Ich , der Paris urbar macht ,

der Mensch mit dem Spaten

Wrackteile inventarisiert,

Geschichten buchstabiert

wo andere alles verraten .

Die gute alte Zeit

ich kann es kaum noch erwarten

dass meine schnöde Gegenwart

endlich auch vorbei ist

nostalgiebereit .

13

Leichenfledderei :

Mehr können sie nicht , die Touries !

Wir Picker von Rosinen

mit welterfahrenen Mienen

babylonische Steinbrüche

zur linken und zur rechten

Europa wird keine weichwarme Heimat

keine brüderliche

dass Sprachkurse was brächten ?

vergessen Sies  !

14

Die Metro ist weg ?

Macht nichts ! Wir nehmen eine frische U-Bahn

vielleicht fängt alles von vorne an .

15

Ich bin fromm !

ICH weiß wie es war in den guten alten Zeiten

im Jardin wo Unberufene Lebenslust ausbreiten

hier gibt’s Chamäleon-Verdünnung ,

amuse geule für Gargantuas

was archaisch riecht ist gut

aber bitte nur als Parfüm .

Ist Nostalgie gar eine Form von Renaissance und ähnlich bahnbrechend kulturschaffend ,-umprägend , produktiv ?

Der Eifelturm dieser Fliegenfänger .

Ja , den gibt’s auch schon länger .

16

Globalisierung ist hier entlarvt als ein riesiger Kostüm-Verleih ; dient der

Infantilisierung , der Verweigerung von je eigenem nationalem

Schicksal . Ich bin nicht liberal , wo es doch diese Eure Freiheit nicht wirklich gibt .

17

Und Du sollst keinen Impressionismus neben mir haben !

Die Stadt in Medusenstarre :

Van Gogh geht immer ,

Gauguin der undankbare ,

Seurat macht auf Geflimmer  ;

van Gogh ? Der mit dem Ohr ?

das hängt bei Tom im Korridor !

mit Ohr ? Du meinst : OHNE ?

ist alles hier Ikone ,

seit Fin de Siècle hat sich kaum was getan  !

na ja ein bisschen Film Noir : dann und wann .

Und erst die Gilets Jaunes !

Aus Pittsburgh : Mr. and Mrs. Jones

sehen es mit thrill ;

am Tag der D-Day-Feiern

wird es auf einmal still :

Auch wir bei den Befreiern …..

die Friedensdividende ,

das danken wir dem D-Day ;

heißt : Tourismus ohne Ende ;

Stau vor Degas Jockey

im Musée d´Orsay ( ein Heiligenschrein  ,

in Moskau tät man da Lenin hinein ).

18

( Im Jardin du Palais Royal  )

Röcke und Knie und Schenkel

eine Gewürze-Ration

austerisierte Junkies wie ich

kriegen niemals genug davon ,

19

das Ganze gesehen vom Fenster eines Hotelzimmers aus , das bequem für zwei Telefonzellen reichen würde . Je geringer der Platz , desto näher der Nächste , desto klarer der ICH-Bezug , eine Art Körperertüchtigung , Platz genug , also Körperkultur , getaktet wie eine räumliche Uhr .

20

( Im Palais Royal , Jardin )

Japaner schrammen  schwere Eisenstühle an die Fontäne heran wie Pflugscharen , im Vertrauen darauf , dass die Uhren noch ein Guthaben haben für Schönes was wahr und gut , Japaner und Magyaren , die hierher fahren ( zum Schönen Guten und Gestern-noch- Wahren )  .

21

Paris : Eine stempelwütige Stadt : Jeder muss überall allem seinen Stempel aufdrücken ( s.o. nie wieder unkreativ ), per Auto , Roller , Hupe , Ellenbogen . Gelächter, Stadtplan-Ent-und zusammenfaltung ,

I-Phone-Konsultation .

Aber : schon zurück nach fünf Tagen ?

Ja , auch aus Konditionsschwäche ….

Es bleiben doch noch so viele Fragen…

Paris das Nachschlagewerk !

Notre dame sans flêche ,

Straßennamen ein wichtiger Vermerk

auf der hohen Kante für später ;

Paris : Wer wäre nicht : Wiederholungstäter..

die Stadt , die mich fast zerrieb ,

vielmehr : Ich : Das wohlmeinende Sieb ….

22

Was H-Bombe , Tour Eiffel und Fondacion Vuitton gemein haben ?

Der Atomphysiker Edward Teller sagte einst :

Was gebaut werden kann …..

muss gebaut werden .

Das Bauwerk am Jardin d´Acclimatacion entlockt den Plebeiern viele A´s und O´s .  Andacht ! Man ist hier in der Postmoderne !

Die Fondacion lässt denken an einen BH-Hangar ( Körbchen-Größe ?) oder ein Luftschiff-Ablegen , oder die Titanic in Belfast vor dem Stapellauf . Über die hängenden Gärten der Semiramis triefen und schwappen Nil-Katarakte nach geduldigem Takt der Umwälzpumpe ; darüber ein Kokon von Glas und Streichholzästhetik , an einem schönen Sommertag im Bois .

Paris also im Allgemeinen und Besonderen : Ein Panoptikum von Massen-Narzissmus  , raffiniert ausbaldowert wie der neueste  fälschungssichere 1000 Euro-Schein , Hauptsache : Durch dieses sympathische Luft-Schiff   , Architektur-Caprice  wie je nur , blickt keiner durch .

23

Der Dschungel….

lebt und bebt

frustriert und vibriert

be- und entschädigt

en gros et en detail

adelt und verdaddelt :

Il faut nämlich être absolument moderne

klingt aber irgendwie AUCH nicht echt ,

zu schweigen von den  Patina-Kneipen,

die bluffen sowasvon mehr schlecht als recht  .

24

Ich versuche mir vorzustellen . William Faulkners fiktiver Erzähler aus dem Südstaaten –Yoknapatawpa , ein Weißer natürlich , geduldig und arm-vornehm im Schatten vor der County-Hall : Sieht mit amüsiert-gutmütigem Spott auf die Schwarzen und ihren Austausch : Sie bleiben mir fremd , aber warum sollte ich nicht über sie lächeln ….

So sollte ich mit den angereisten fashionables vielleicht auch mental umgehen ….wenns auch schwer fällt .

25

Wenn ich der Meute ( wer war das noch mal ? Zur Erinnerung :

Wer mindestens eins der folgenden Merkmale mit sich bringt :

– wer fließend Deutsch oder Amerikanisch spricht

– einen Kamera-Euter auf dem Bauch herumträgt

– auf dem Rücken das Äquivalent , einen praktischen City-Rucksack , am Streetlife 

  teilnehmen lässt   

  – mit deutlich intakter Familie und/oder Ehepartner zusammengluckt

– zum optimiertem Blicke-Netzfang den Kopf hochgerichtet ,aber pendelfähig auf die     Schultern montiert

   und ! :

–  viiiiiel Zeit zum Flair-erschließenden Bummel mitgebracht hat :

Der ist Teil der happy many  )

kurzum : Wenn ich dieser mehrheitsträchtigen Menge ausweichen konnte , indem ich in  weniger interessante Nebenstraßen auswich :

Dann fühle ich mich wie der erfolgreiche Löwen-Dompteur , der abends in sein Sofa versinkt : Geschafft ! Überlebt ! Friede ! Ommmm.

26

An der Bir-Hakeim-Brücke . Ich sehe Leute , Autos , Bahnen her- und hinüberwechseln , her und hin , hin und her , come and go . Wer von Nord nach Süd und umgekehrt die Stadthälften tauscht , hat hiermit ( mit meinem Sehen ) guten Grund dafür , und sei es der , mir im Her und Hin einen ruhigen Pulsschlag zu schenken : Aus/Ein geht beruhigt mein Atem .

27

Au revoir dann in der Cité

für den gehobenen Bedarf

Geschmacksurteile zögernd und

instinkte-unscharf

mein Kauf war Signatur und

Urteil letztinstanzlich

Paris hat sich verdient gemacht

um mein bemühtes Ganz-Ich .

28

Und die Seine  dahinten , hinter der Isle des Cygnes , krümmt sich aus meinem Sichtfeld heraus , hat unbeschadet , ganz altmodisch , überlebt .

War da was ?

29

Wo , außer in Paris ! sollte man denn die Frage stellen nach Haltbarkeit und Perspektive von égalité und liberté ? Und nur das Schweigen über alles , in der Kirche oder im heimischen rheinischen Nachhinein ( nein ! nicht den Müllers von Paris erzählen !!!!) , hat vielleicht entfernt etwas von  fraternité .

30

Der graue Himmel schenkt Richtung Asnières einen silbernen Wasserspiegel , unschuldig ungetrübt silbern . Solange ein Fluss noch irgendwoher ( woher ?) irgendwohin ( wohin?) fließt , hat paradoxerweise der Mensch ein Zuhause .

31

Am Sonntagmorgen rollen die Rollkoffer

der Montag zerrt heim ins Großraumbüro

zu Home-Office oder Kindergruppe

in der Kita ` Zum coolen Karrière-Knick ´

 

Paris hat uns eine Dosis verabreicht

was man hier tat war nach Kräften chic

wir rollen ob wir nun wollen oder nicht

zu Home Office oder Großraumbüro

 

( très très comme il faut –

na wenigstens sagt sich das dann so ).

32

Paris : Du sagst es sei ein Katalog von Antworten ?

Nein , im Gegenteil . Paris ist eine unterlassene Hilfeleistung .

Und all die Namen , all die berühmten Namensgeber für Clemenceau , Raspail , Picasso , Mirabeau ….eine Nekropole wie Pére Lachaise oder Cimetière Montparnasse , wo Baudelaire im Grab seines verhassten Stiefvaters landete : After life´s fitful fever etc .

33

Trés comme il faut :

die Gilets-Jaunes mit Schaum vorm Mund

sind schadensfroh

tun Unmut kund

wer herkam kann hier nicht bleiben

nicht hier nicht anderswo

34

Aber : schon zurück schon in zwei Tagen ?

Ja , auch aus Konditionsschwäche ….

Es bleiben doch noch so viele Fragen…

Paris das Nachschlagewerk !

Notre Dame sans flêche !

Straßennamen ein wichtiger Vermerk

auf der hohen Kante für später ;

Paris : Wer wär da nicht : Wiederholungstäter..

die Stadt , die mich fast zerrieb ,

vielmehr : Ich : Das wohlmeinende Sieb ….